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Leitet künftig die Bundesagentur für Arbeit: Detlef Scheele Foto: Schutt
Leitet künftig die Bundesagentur für Arbeit: Detlef Scheele Foto: Schutt
30.12.2016

Viel Arbeit für neuen Arbeitsagentur-Chef Detlef Scheele

Nürnberg. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob auf den künftigen Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, keine sonderlich großen Herausforderungen warten.

Denn der deutsche Arbeitsmarkt läuft seit Jahren rund. Eine genauer Blick aber macht klar: Der frühere Hamburger Arbeits- und Sozialsenator rückt in turbulenten Zeiten an die Spitze der Nürnberger Bundesbehörde, die noch bis Ende März von Frank-Jürgen Weise geleitet wird. Denn auf dem Arbeitsmarkt stehen gewaltige Umbrüche an. Das sind Experten zufolge die fünf größten Herausforderungen in den kommenden Jahren:

Flüchtlinge: Rund 890 000 Flüchtlinge sind allein im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen. Rund 250 000 dürften es in diesem Jahr sein. Mit weiteren 170 000 rechnen Arbeitsmarktforscher im Jahr 2017. Damit wächst die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter um rund 460 000. Viele werden nicht sofort eine Arbeit finden. Denn rund 70 Prozent der über 18-jährigen Flüchtlinge verfügen über keine Berufsausbildung. Die Bundesagentur steht vor der schwierigen Aufgabe, Zehntausende von Flüchtlingen mit Aus- und Fortbildungen für den deutschen Arbeitsmarkt fit zu machen.

Langzeitarbeitslosigkeit: Gerade der frühere Sozialpolitiker Detlef Scheele wird am Ende daran gemessen werden, wie erfolgreich er bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit ist. Seit 2011 verharrt die Zahl der Menschen, die länger als ein Jahr ohne Arbeit sind, bei rund einer Million. Da in den Augen vieler Chefs allein schon die lange Dauer der Arbeitslosigkeit ein Manko ist, sinken die Jobchancen der Betroffenen von Tag zu Tag. Die Bundesagentur setzt derzeit auf ein im Jahr 2015 gestartetes Bundesprogramm zur Förderung von Langzeitarbeitslosen. Manche Fachleute halten das für unzureichend. Sie fordern eine ganzheitliche Betreuung der Betroffenen – am besten mitsamt der ganzen Familie.

Digitalisierung der Wirtschaft: Noch gibt es nur grobe Szenarien, Arbeitsmarktforscher sind dennoch sicher: Die Digitalisierung der Wirtschaft mit dem Einzug des Internets in die Fabrikhallen wird zu gewaltigen Umschichtungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt führen: Nach Hochrechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) werden bis zum Jahr 2025 im Zuge von Wirtschaft 4.0 rund 1,5 Millionen Jobs wegfallen, zugleich aber 1,5 Millionen neue Jobs entstehen – nur mit völlig anderen Anforderungen. Hunderttausende Beschäftigte müssen umschulen.

Die Alterung der Gesellschaft: Das Problem ist nicht ganz neu, in ein paar Jahren dürfte es aber ein besorgniserregendes Ausmaß annehmen: Mit der Alterung der deutschen Bevölkerung sinkt die Zahl der im Berufsleben stehenden Menschen. War ihre Zahl nach Berechnungen des Koblenzer Arbeitsmarktforschers Stefan Sell im Jahr 2006 um 106 000 gesunken, so dürfte sie im Jahr 2017 um 330 000 zurückgehen. Bisher haben vor allem Zuwanderer aus Osteuropa die Lücken in den Betrieben geschlossen. Künftig werden aber nach Einschätzung von Enzo Weber vom IAB viel weniger Polen, Tschechen, Bulgaren und Rumänen nach Deutschland kommen. Denn auch in Osteuropa werde man bald schon vor ähnlichen demografischen Problemen stehen.

Fachkräftemangel: Schon jetzt finden viele Handwerksbetriebe kaum noch Berufsnachwuchs. Das Problem dürfte sich noch verstärken, sind Forscher überzeugt. Die Gründe: Die jetzigen Schulabgänger gehören den geburtenschwachen Jahrgängen an. Und von denen wiederum entscheiden sich mehr als früher für ein Studium statt für eine Lehre. Mit ausreichender Förderung der Bundesagentur sollte noch 20- bis 30-Jährigen eine Berufsausbildung ermöglicht werden.