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Die Wirtschaftsweisen (von links): Volker Wieland, Isabel Schnabel, Christoph M. Schmidt (Vorsitzender), Peter Bofinger und Lars P. Feld haben gestern ihr Gutachten vorgelegt.von Jutrczenka
Die Wirtschaftsweisen (von links): Volker Wieland, Isabel Schnabel, Christoph M. Schmidt (Vorsitzender), Peter Bofinger und Lars P. Feld haben gestern ihr Gutachten vorgelegt.von Jutrczenka
08.11.2018

Vorstoß für längere Lebensarbeitzeit gegen Fachkräftemangel

Berlin. Der Chef der „Wirtschaftsweisen“ sieht Deutschland auch angesichts einer eingetrübten Konjunktur vor wichtigen Weichenstellungen. „Ich wünsche mir vor allem eine klare Linie für die Zukunft, die der Frage, wie künftig Wohlstand geschaffen werden kann, mehr Raum gibt“, sagte gestern der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Christoph M. Schmidt.

Die fünf Ökonomen rechnen in ihrem Jahresgutachten für die Bundesregierung – das sie gestern in Berlin vorstellten – für das laufende Jahr 2018 mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 1,6 Prozent und für 2019 mit einem Plus von 1,5 Prozent. Im vergangenen Jahr hatte die deutsche Wirtschaft noch um 2,2 Prozent zugelegt.

Gründe für das schwächere Wachstum seien ungünstigere außenwirtschaftliche Rahmenbedingungen und Kapazitätsengpässe etwa wegen des Mangels an Fachkräften. Schmidt sieht Herausforderungen vor allem in der Arbeitsmarkt, Renten- und Steuerpolitik. Er forderte die Bundesregierung auf, den Solidaritätszuschlag ganz abzuschaffen. Angesichts der vor allem in Großstädten angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt sagte er, Grund für die Preissteigerung sei die Nachfrage, die gegenüber dem Angebot sehr stark gestiegen sei. „Statt wie mit der Mietpreisbremse in das Preisgefüge einzugreifen, sollten das Wohngeld angepasst, der soziale Wohnungsbau besser ausgestaltet, mehr Bauland ausgewiesen und die Grundsteuer sowie die Grunderwerbssteuer reformiert werden.“

Dass die Ökonomen ihre Wachstumsprognose senken würden, war aufgrund zunehmender Kapazitätsengpässe bei Unternehmen wegen Fachkräftemangels erwartet worden. „Unserer Einschätzung nach wird es weiterhin beim Aufschwung bleiben, aber mit vermindertem Wachstumstempo“, sagte Schmidt, der auch Präsident des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen ist: „Wir sehen keine akute Gefahr einer Rezession.“

Zugleich aber seien die Risiken für die konjunkturelle Entwicklung nach wie vor hoch. „Auf der internationalen Ebene ist dies vor allem die zunehmende Abkehr von der multilateralen globalen Wirtschaftsordnung, die bislang weltweit viel Wohlstand geschaffen hat. Deutschland hängt in besonderem Maße davon ab.“ Das Risiko einer Eskalation von Handelskonflikten sei größer geworden. Dazu komme die Frage, wie die Europäische Union mit dem Ausstieg Großbritanniens aus der EU umgehe und wie die EU gestärkt werden könne.

Deutschlandweit zeigen sich die Folgen des demografischen Wandels immer stärker, warnte Schmidt. „Zurzeit haben wir eine demografische Atempause, die sich aber dem Ende zuneigt. In der nächsten Dekade gehen die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand. Das wird uns vor große Herausforderungen stellen.“

Auf dem Arbeitsmarkt gebe es außerdem zunehmend Engpässe bei Fachkräften, insbesondere in der Gesundheitsversorgung und in der Pflege. „Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, braucht es einen Politik-Mix“, sagte Schmidt. „Das bestehende Arbeitskräftepotenzial sollte besser ausgenutzt werden – beispielsweise, indem man mehr Möglichkeiten schafft, aus der Teilzeit in die Vollzeit zurückzukehren, flexible Arbeitszeiten ermöglicht und Betreuungszeiten von Kitas ausbaut.“ Gleichzeitig sollte das Arbeitskräftepotenzial ausgeweitet werden, durch die Einbindung von älteren Arbeitnehmern und die Zuwanderung von Fachkräften. Die Bundesregierung unternehme mit dem geplanten Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz richtige Schritte.