nach oben
23.09.2011

Wer hat das Cobra-Gold?

Fest steht: Es war nicht der Osterhase. Seit den Osterfeiertagen sind nämlich 200 Kilogramm Gold und 1,8 Tonnen Silber aus dem Tresor der Pforzheimer Schmuckkettenfabrik Cobra im Wert von über acht Millionen Euro verschwunden. Seltsamerweise wurden von der Polizei keine Aufbruchspuren gefunden.

Es ist wohl der spektakulärste Kriminalfall in der Pforzheimer Traditionsindustrie. Auch nach fünf Monaten fehlt von dem Edelmetall offenbar jede Spur. Der leitende Pforzheimer Oberstaatsanwalt Christoph Reichert verweist weiterhin auf „laufende Ermittlungen“. Es gelte schließlich einen komplexen Sachverhalt aufzuklären, zumal die Pforzheimer Schmuckfabrik auch „Verflechtungen ins Ausland“ gehabt habe. Bis konkrete Ergebnisse vorliegen, könnten noch Monate vergehen, betont Reichert. Er hatte lediglich bestätigt, dass Waren im Wert von fünf bis sechs Millionen Euro aus dem Tresor fehlen. Bei einer Sichtprüfung hatten Vertreter von Pforzheimer Scheideanstalten und Banken zuletzt Ende März festgestellt, dass das Edelmetall tatsächlich im Lager von Cobra vorhanden war. „Zumindest hat man uns damals entsprechende Mengen gezeigt“, berichtet ein Augenzeuge. Der Zugang zum Tresorraum war nur mit Schlüssel und Code möglich und nach PZ-Informationen nur einem kleinen Kreis von leitenden Mitarbeitern von Cobra-Schmuck vorbehalten.

Für Wolfgang Bilgery, den Insolvenzverwalter von Cobra Schmuck, war schnell klar, dass der Fehlbestand wohl nur mit kriminellen Machenschaften zu erklären war. Das Ergebnis der Inventur: Es gibt Verbindlichkeiten von 261 Kilogramm Gold und 3,6 Tonnen Feinsilber – so viel sollte eigentlich auch im Tresor sein. Dem entgegen stand ein Bestand von 60,4 Kilogramm Gold und 1,8 Tonnen Silber. Der größere Teil des Edelmetalls – vorwiegend hochkarätige Ware – fehlte. Es soll mehrere Hausdurchsuchungen gegeben haben, wohl ohne greifbaren Erfolg.

In akribischer Kleinarbeit bemühen sich die Ermittler seither, die Waren- und Materialflüsse im Unternehmen nachzuvollziehen, die möglicherweise zum massiven Schwund des Edelmetallbestands führten. Alle Lieferanten und Kunden wurden eigens befragt. Liegen die Ergebnisse der Erhebungen vor, dürften die weiteren Maßnahmen wohl von der Schwerpunkt-Staatsanwalt in Mannheim übernommen werden, dort wird Wirtschaftskriminellen der Prozess gemacht. Wurden Gold und Silber bei Cobra auf mysteriöse Weise gestohlen oder über einen längeren Zeitraum „verbraucht“, um immer neue Ketten zu produzieren und die Firma dadurch am Laufen zu halten, wie Insider mutmaßen. Das „große Geld“ war mit der Herstellung von Schmuckketten in den vergangenen Jahren nicht zu verdienen, wie mehrere Insolvenzen in der Branche zeigen. Der steigende Goldkurs verteuerte die Produktionskosten, weil die Preiserhöhungen möglicherweise nicht in vollem Umfang an die Kunden weitergegeben werden konnten. „An der Version, dass der Fehlbestand durch einen Diebstahl über die Ostertage entstanden ist, bestehen Zweifel“, heißt es in einem Bericht es Insolvenzverwalters. „Nach den bisher bekannt gewordenen Ergebnissen der polizeilichen Ermittlungsarbeiten ergeben sich durch die Auswertung der Überwachungskameras keine Hinweise auf einen derartigen Diebstahl.“ Das Unternehmen Cobra-Schmuck mit knapp 70 Mitarbeiterin ist inzwischen pleite. Der Umsatz war schon vor der mutmaßlichen Straftat im ersten Quartal 2011 um 30 Prozent eingebrochen.

Nach PZ-Recherchen wurde den vom Insolvenzverwalter freigestellten Geschäftsführer von Cobra-Schmuck schon 2005 einmal Edelmetall im Wert von einer halben Million Euro geraubt.