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Moderatorin Carmen Hentschel im Dialog mit Thomas Satinsky, Geschäftsführender PZ-Verleger. Foto: Privat
Moderatorin Carmen Hentschel im Dialog mit Thomas Satinsky, Geschäftsführender PZ-Verleger. Foto: Privat
09.05.2018

Wirtschaftsdialog der WFG Nordschwarzwald: Digitalisierung zwischen Tannenspitzen

Wie schnell sich eine Planung überholen kann, das führte der Wirtschaftsdialog der Wirtschaftsförderung (WFG) Nordschwarzwald vor Augen. Dabei war der Ort gut gewählt: Ziemlich in der Mitte der Region, im ländlichen Gebiet, und in einer Gemeinde, die einst von der „Schreiner-Mafia“ wirtschaftlich geprägt war und die sich heute auf den Wandel einstellt.

Rund 20 Kilometer Leerrohre für Glasfasernetz hat die Kommune verlegt, so Bürgermeister Dieter Bischoff. Er hofft, dass sich die Investition von vier Millionen Euro lohnt und die Strippen für schnelles Internet bald eingezogen werden. Auch der Veranstaltungsraum passte: rechts die alte Festhalle mit frisch gestrichenen Holzschindeln und schwerer dunkler Decke, tipptopp saniert, links daneben die neue Sporthalle aus Beton und viel Glas.

Eine funktionierende Einheit aus Tradition und Moderne; und glücklicherweise überaus vielseitig. Denn in den letzten Tagen wurde die WFG vom Besucherinteresse doch noch überrannt. Mehr als 100 Entscheider aus Wirtschaft und Politik waren gekommen, um zu hören, wie andere mit dem Thema umgehen und wie die WFG das Thema Digitalisierung mit dem so genannten „Digital Hub“ befeuern will. Plötzlich wurde doch der große Saal benötigt. Eine Reihe von Vertretern aus Politik, Wirtschaft sowie Forschung und Bildung hatte die WFG als Interviewpartner auf die Bühne geholt, die über ihre digitalen Perspektiven und Erfahrungen plauderten. Dazu gab es Abstimmungen im Publikum per Smartphone und Anzeige über Monitore in der Halle – neue Formate, neue Tücken. Nicht alle schafften es auf Anhieb, sich einzuloggen. Carmen Hentschel, Moderatorin für „Digitalisierung und Leadership“, überbrückte noch elegant: „Das W-Lan funktioniert nicht. Ist das hier die Challenge?“ Im zweiten Anlauf klappte es dann doch.

Vieles ist möglich in der neuen digitalen Welt, nicht alles geht so einfach, und nicht jede Investition zahlt sich gleich aus. Abweichungen vom ursprünglichen Plan, geistige Beweglichkeit gehören offenbar dazu. Und wie es aussah, verlangte die Moderatorin Flexibilität von ihren Gesprächspartnern ab. Einmal zog sie die falsche Karte, korrigierte sich dann aber schnell: „Ups, falsche Fragen.“

Einzelhändler im Schaufenster

Während einige Redner teils irritiert vom Stehpult auf dem Podium in den Saal blickten und andere sichtlich ins Schwimmen gerieten, wurde Saskia Esken, die SPD-Abgeordnete im Bundestag und stellvertretende digitalpolitische Sprecherin ihrer Fraktion, bratzig. Das Angebot von Hentschel, ein Statement abzugeben, wies sie scharf zurück und forderte, ebenfalls interviewt zu werden, so wie es im Vorfeld besprochen worden sei. Die Moderatorin bewahrte die Fassung, zauberte allgemeine Fragen aus dem Hut, auf die Esken dann ihre eigenen Antworten gab. Und die Organisatoren dann noch vor versammelter Mannschaft mit der Feststellung brüskierte, dass sie schon „modernere Formate“ zum Thema gesehen habe, beispielsweise Workshops mit Gesprächsmöglichkeiten, keinen Frontalunterricht. Dann, erst mal in Fahrt, noch einen Seitenhieb auf die „Juristerei“ in Sachen Datenschutzverordnung und eine kurze Belehrung: „Die Digitalisierung bietet dem Einzelhandel auch eine Chance, wenn er sich auf den Weg macht. Dazu muss er sich aber auch ins Schaufenster stellen.“ Bang, Abgang von Esken.

„Hier gibt es noch viele Fragezeichen. Wir wollen nicht versuchen, die Welt zu erklären, sondern miteinander in den Dialog kommen“, betonte WFG-Geschäftsführer Jochen Protzer. Voraussichtlich im Herbst soll der „Digital Hub“, zweifach vom Land prämiert und gefördert, im Nordschwarzwald starten.

„Wir befassen und schon lange mit der Digitalisierung, wir kommen dar nicht drumrum. Redaktionen werden zunehmend zu Digital-Managern“, erklärte Thomas Satinsky, Geschäftsführender Verleger der Pforzheimer Zeitung. „Im Moment verdienen wir unser Geld noch mit Print. Der Journalist mit seiner Kompetenz und dem Faktor Mensch wird bleiben. Aber welche Vertriebskanäle künftig wichtig sind, ist eine andere Frage.“