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© Symbolbild: dpa
22.08.2014

50 Häftlinge gehen aufeinander los - Justiz prüft Meutereiverdacht

Adelsheim/Stuttgart (dpa/lsw) - Im größten Jugendgefängnis in Baden-Württemberg ist ein Hofgang eskaliert. Rund 50 Häftlinge gingen bei einer Schlägerei in der JVA Adelsheim (Neckar-Odenwald-Kreis) aufeinander los. 16 Beamte schritten ein und wollten schlichten, wie die Vize-Gefängnisdirektorin Maida Dietlein am Freitag der Nachrichtenagentur dpa sagte. Davon seien sechs so schwer verletzt worden, dass sie erst mal dienstunfähig seien.

Gegen zehn Menschen seien Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte eingeleitet worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Mosbach. Zudem werde geprüft, ob es sich bei dem Vorfall am Mittwochabend um Gefangenenmeuterei handelt. Zuerst hatte die «Bild»-Zeitung über die Schlägerei berichtet.

Kurz vor Ende des Hofgangs hätten sich zwei rivalisierende Gruppen am Mittwochabend attackiert, sagte Dietlein. Nur zehn der Gefangenen auf dem Hof hätten sich rausgehalten. Bei der Schlägerei ging es nach ihrer Einschätzung vor allem um einen Machtkampf hinter Gittern. «Religiöse Gründe kann man wohl ausschließen.» Politische oder ethnische Hintergründe spielten bei solchen Auseinandersetzungen ebenfalls eher selten eine Rolle, sagte Wolfgang Klotz vom Bund der Strafvollzugsbediensteten Baden-Württemberg der dpa.

Waffen waren laut Staatsanwaltschaft nicht im Spiel. Die genaue Zahl der verletzten Insassen war am Freitag zunächst noch unklar. Die zehn Haupttäter im Alter von 18 bis 20 Jahren wurden nach Angaben Dietleins in andere Vollzugsanstalten verlegt.

Streitigkeiten unter Gefangenen seien kein Einzelfall, sagten Dietlein und Klotz. «Am Mittwoch ist es aber völlig aus den Fugen geraten», so die stellvertretende Gefängnischefin. Dass Vollzugsbeamtete Opfer würden, sei ein «absoluter Ausnahmefall». Der «Bild» sagte sie: «Ein Beamter wurde dabei so schwer verletzt, dass er stationär eingeliefert werden musste.»

Die Statistik des Justizministeriums weist jährlich mehrere Angriffe auf Bedienstete in den Gefängnissen im Land auf. In Adelsheim hatte ein Häftling vor wenigen Jahren eine Justizbeamtin von hinten angegriffen, mit Schlägen und Tritten massiv attackiert und sie zu Boden geschlagen. Das Opfer erlitt Platzwunden und Prellungen. In der jüngsten Erhebung zum Jugendstrafvollzug in Adelsheim aus dem Jahr 2011 stehen 49 Vorfälle, bei denen es zu Gewalt unter Gefangenen und Krankschreibungen kam, die der Staatsanwaltschaft gemeldet wurden und beziehungsweise oder bei denen Bedienstete angegriffen wurden.

Gefangenenmeuterei ist laut Paragraf 121 des Strafgesetzbuches definiert als Vorfall, bei dem sich Gefangene zusammenrotten und mit vereinten Kräften etwa einen Anstaltsbeamten nötigen oder tätlich angreifen, gewaltsam ausbrechen oder einem anderen dabei helfen. Es droht eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft ging zunächst nicht davon aus, dass die Schlägerei unter den Insassen inszeniert war, um dann JVA-Beamte anzugreifen. «Das werden wir aber bei den Ermittlungen auch prüfen.»

Gewerkschaftsvertreter Klotz sagte, meist seien bei Streitigkeiten zwischen Gefängnisinsassen wenige Personen beteiligt. «Wenn viele auf dem Hof sind, kann man die Konfliktparteien schwer auseinanderdividieren.» Kleinere, voneinander getrennte Gruppen seien wünschenswert. Oft sei es aber schwer einschätzbar, «wer sich gerade nicht grün ist», sagte Klotz, der früher das Jugendgefängnis in Pforzheim geleitet hatte.

In der JVA Adelsheim war nach Einschätzung Dietleins am Mittwoch ausreichend Personal zur Überwachung im Einsatz. Insgesamt arbeiten in dem Gefängnis 250 Menschen. Zwar erschwere der Ausfall der sechs Kollegen gerade in den Sommerferien die Lage. Aber: «Wir müssen so über die Runden kommen.» Der Kriseninterventionsdienst des Landes, Psychologen und Geistliche betreuten Beamte und Häftlinge. Der Vorfall werde mit allen Seiten aufgearbeitet, versicherte Dietlein.

Fast 340 Menschen sind laut Dietlein in Adelsheim untergebracht. Nun werde von Tag zu Tag entschieden, wer wieder in den JVA-Alltag, etwa zur Arbeit, übergehen dürfe und wer in seiner Zelle bleiben müsse.