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Beim Thema Gruppenvergewaltigung scheint der Täterkreis in den Sozialen Medien schnellt gefunden zu sein. Nun hat das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden Studie zu Gruppenvergewaltigungen veröffentlicht - und kommt zu interessanten Ergebnissen. Symboldbild: dpa 

BKA-Studie zur Gruppenvergewaltigung nennt Taten und Täter

Was ist gefühlte Realität, was ist belegbare Wirklichkeit? Beim Thema Gruppenvergewaltigung scheint der Täterkreis in den Sozialen Medien schnellt gefunden zu sein. Nun hat das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden Studie zu Gruppenvergewaltigungen veröffentlicht - und kommt zu interessanten Ergebnissen. Ein Punkt zum Beispiel: Jugendliche Täter sind meist Deutsche, Erwachsene oft Ausländer.

Gruppenvergewaltigungen ähneln sich, finden überregional Beachtung und machen fassungslos. In Freiburg stehen elf Männer vor Gericht, weil sie vor einer Diskothek eine 18-Jährige vergewaltigt haben sollen. Hinzu kommen Sexualstraftaten in Nordrhein-Westfalen, die Debatten ausgelöst haben. Kriminalisten und Wissenschaftler des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden haben zu dem Thema geforscht. Das Bundesinnenministerium hat Zahlen dazu geliefert. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Das Thema Gruppenvergewaltigung ist durch mehrere Verbrechen in den Blick der Öffentlichkeit gerückt. Um welche Fälle geht es?

Neben dem Fall in Freiburg hat die Vergewaltigung einer jungen Frau in Mülheim an der Ruhr im Juli Schlagzeilen gemacht. Drei 14-Jährige und zwei Zwölfjährige werden nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft beschuldigt, eine 18-Jährige in einem Waldstück vergewaltigt zu haben. Der Fall erinnert an die Gruppenvergewaltigung eines Mädchens im April 2018 in Velbert. Acht Jugendliche waren damals beteiligt. Sie wurden verurteilt, teils zu mehrjährigen Haftstrafen. Die Urteile sind Gerichtsangaben zufolge rechtskräftig. Und in Krefeld wird drei Männern vorgeworfen, im März 2019 eine junge Frau über Stunden vergewaltigt zu haben.

Was hat das Bundeskriminalamt untersucht?

Untersucht wurden gemeinschaftlich begangene Vergewaltigungen in Deutschland, die der Polizei angezeigt wurden. Die aktuellen Fälle, die jüngst an die Öffentlichkeit kamen, sind den Angaben zufolge nicht Teil der Untersuchung. Ausgewertet wurden Zahlen bis 2017. Neuere liegen den Wissenschaftlern noch nicht vor.

Wie häufig kommt es zu solchen Taten?

Laut der vom Bundesinnenministerium vorgestellten Polizeilichen Kriminalstatistik gab es 2017 in Deutschland 380 Fälle gemeinschaftlich begangener Vergewaltigungen mit 386 Opfern und 467 ermittelten Tatverdächtigen. Das sind knapp 3,4 Prozent aller Straftaten aus dem gesamten Bereich. Dieser umfasst Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen und sexuelle Übergriffe. Es wurden 2017 insgesamt in dem Bereich 11.282 Delikte registriert. Die Polizei geht davon aus, dass die Dunkelziffer bei Sexualstraftaten hoch ist.

Wer sind die Täter bei Gruppenvergewaltigungen?

Zu knapp 98 Prozent sind sie laut der Studie des BKA männlich. Weibliche Täter gibt es kaum – und wenn, seien sie Teil einer ansonsten männlichen Tätergruppe. Die Gruppen sind den Angaben zufolge in der Regel klein, mehr als drei oder vier Verdächtige gebe es selten. Sie haben meist ein ähnliches Alter, die gleiche Staatsangehörigkeit und verhalten sich bei der Tat meist identisch. In den meisten Fällen war keiner der Männer alkoholisiert.

Woher stammen die Täter?

Jugendliche Täter sind der Studie zufolge meist Deutsche, erwachsene dagegen sind meistens keine Deutschen. Insgesamt beträgt der Ausländeranteil bei Tätern von Gruppenvergewaltigungen 54,8 Prozent. Er ist damit deutlich höher als bei anderen Sexualverbrechen. Im gesamten Bereich der Sexualdelikte beträgt er 37 Prozent. Die meisten Täter bei Gruppenvergewaltigungen (57,1 Prozent) sind bereits zuvor wegen anderer Straftaten der Polizei aufgefallen.

Was ist der Grund für den hohen Ausländeranteil?

Einen konkreten Grund nennt die Studie nicht. Die Herkunft der Männer begründe jedoch nicht die Tat, heißt es. Möglich sei, dass Ausländer häufiger als Deutsche prekären wirtschaftlichen Bedingungen ausgesetzt seien. Zudem sei bei in Deutschland lebenden Ausländern der Anteil Jugendlicher höher. Beides führe – unabhängig von Nationalität und Herkunft – zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden. Die genauen Herkunftsländer der Täter nennt die Studie nicht.

Gibt es mehr Gruppenvergewaltigungen als früher?

Das BKA hat die vergangenen drei Jahrzehnte untersucht und kommt zum Schluss, dass die Zahlen zwar jährlich variieren, im Schnitt aber seit 1993 weitgehend stabil sind. Sie bewegen sich demnach im Bereich 300 bis 600 Taten pro Jahr. Einen Höchststand gab es 2016 mit 749 Fällen. Dieser Anstieg ist laut BKA auf die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 zurückzuführen.

Gibt es einen typischen Tatablauf?

Die Studie unterscheidet jugendliche und erwachsene Täter. Jugendliche schlagen demnach häufiger in ihrer räumlichen und sozialen Umgebung zu – im Gegensatz zu Erwachsenen. Das Opfer ist ihnen meist bekannt und stammt aus dem Umfeld. Anders bei Erwachsenen: Im Vergleich zu anderen schweren Sexualstraftaten kennen sich Täter und Opfer bei Gruppenvergewaltigungen, bei denen Erwachsene die Täter sind, meist nicht. Die Taten ereignen sich häufig überfallartig, zu typischen Ausgehzeiten wie abends und nachts sowie in großstädtischer Umgebung. Die Opfer sind fast immer Mädchen und Frauen. Sie werden von Tätern meist unter einem Vorwand in eine Falle gelockt.

Werden Gruppenvergewaltigungen von der Polizei aufgeklärt?

Die Aufklärungsquote liegt dem BKA zufolge bei 53,2 Prozent, sie ist damit niedriger als bei Sexualstraftaten insgesamt (82,6 Prozent). Als Grund nennt das BKA, dass bei Gruppenvergewaltigungen – im Gegensatz zu vielen anderen Straftaten – die Täter dem Opfer meist unbekannt sind. Dies mache die Ermittlungen schwierig.