Rund 750 Mitarbeiter des von Biontech übernommenen Unternehmens Curevac fürchten nach der angekündigten Schließung der Standorte Tübingen und Wiesbaden um ihre Zukunft. Ihnen sind nach Auskunft des Betriebsrats Aufhebungsverträge zum Ende des Jahres angeboten worden.
Betriebsbedingte Kündigungen drohen
Alternativ drohten ein Sozialplan und betriebsbedingte Kündigungen, sagte Heiko Klever. In Wiesbaden seien bei Curevac rund 50 Menschen beschäftigt, der Rest in Tübingen. Wie viele Mitarbeiter die Aufhebungsverträge annehmen werden, wusste Klever nicht. Dies sei jedoch besser, als in den Sozialplan zu rutschen. «Diese Betriebsschließung wird vom Betriebsrat weder fachlich noch inhaltlich mitgetragen.» Es habe keine Mitwirkungsmöglichkeiten mehr gegeben.
Die Schließung bedeute den Wegfall aller Arbeitsplätze in Tübingen und Wiesbaden. «Für die Beschäftigten, die diese Standorte über Jahrzehnte aufgebaut haben und insbesondere während der Pandemie einen wichtigen Beitrag geleistet haben, ist das ein massiver Einschnitt», sagte Klever. Curevac habe in Tübingen ein eigenes Gebäude gebaut, für drei weitere Gebäude gebe es mitunter langjährige Mietverträge. In Wiesbaden sei ein Gebäude von Curevac angemietet worden.
Curevac-Gründer Hoerr hat noch Hoffnung
Biontech will die Curevac-Standorte noch Ende des Jahres schließen. Curevac-Gründer Ingmar Hoerr will unterdessen alle Möglichkeiten ausgereizt sehen, das von ihm gegründete Unternehmen in irgendeiner Form am Leben zu halten. «Curevac hat Potenzial und Perspektive, das können auch Investoren einsehen», sagte Hoerr, der nach Jahren als Chef und Aufsichtsratschef keine Position mehr bei Curevac hat, der «Südwest Presse».

Zuvor hatte er Biontech heftig kritisiert. «Das ist fast schon Trickserei meiner Meinung nach, weil wir alle im guten Glauben gehandelt haben, dass die Übernahme im Sinne von Curevac sei und dadurch ein gemeinsames, starkes Unternehmen wird», sagte Hoerr der Deutschen Presse-Agentur. Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen, sagte er.
Patentstreit als Motiv für Schließung?
Der Biologe vermutet, dass Biontech mit dem Vorgehen Patentstreitigkeiten mit Curevac umgehen will. «Die Investoren haben sich mit Versprechungen einlullen lassen. Das könnte Biontechs Strategie von Anfang an gewesen sein.» Biontech äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen.
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) schrieb auf seiner Facebook-Seite: «Biontech hat seine Milliarden auch mit den Patenten von Curevac verdient und statt diese zu bezahlen war es wirtschaftlich aus Sicht des Unternehmens attraktiv, Curevac zu kaufen und dann zu schließen. Dass diese Erkenntnis erst in den vier Monaten nach dem Kauf entstanden sein soll, ist zumindest zweifelhaft.» Dass der Firmenchef, der bis heute im Amt ist, damit nichts zu tun haben soll, könne man nicht annehmen. «Ugur Sahin muss sich also entscheiden, welche Rolle er künftig in der Öffentlichkeit einnehmen will.»
Biontech schließt mehrere Standorte
Biontech hatte Curevac im Januar vollständig übernommen. Die Mainzer wollten sich mit dem Deal mehr Wissen für den Weg zu Therapien auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten ins Haus holen. Damals hieß es, dass der Forschungs- und Entwicklungsstandort in Tübingen erhalten bleiben soll. Wie seit Dienstag bekannt ist, will das Biontech-Management nun aber mehrere Standorte schließen – darunter auch Einrichtungen von Curevac.

Begründet werden die Pläne mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten und Kostensenkungen. Ebenfalls geschlossen werden sollen Produktionsstätten von Biontech in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur. Insgesamt könnten bis zu 1.860 Stellen von den Plänen betroffen sein, hieß es.
© dpa-infocom, dpa:260507-930-48292/1

