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Musterung für Wehrpflichtige.
Musterung für Wehrpflichtige. © dpa
28.11.2012

Das Kreiswehrersatzamt wird ausgemustert

Schluss mit Hörtest, Reflex-Check, Hodengriff und «Einmal husten». Die Kreiswehrersatzämter sind ab Freitag Geschichte. 20 Millionen Musterungen gab es dort. Manche wollten nur als T-Einser wieder rausgehen, andere hofften auf Ausmusterung. Und halfen dabei bisweilen kräftig nach.

Das Bundesverteidigungsministerium hat einmal nachgerechnet: Von 1957 bis 2010 gab es mehr als 20 Millionen Musterungen. Als es vor 55 Jahren losging, berichtete ein Zeitungsreporter aus Hamburg: «Die ausgesuchte Nettigkeit der Musterer wurde von dem Gemusterten in tadelfreiem Benehmen erwidert.» Der Journalist arbeitete vor allem den atmosphärischen Unterschied zum Kommiss-Ton der NS-Zeit heraus. 1957 konnte es noch geschehen, dass der Vorsitzende des Musterungsausschusses dem künftigen Waffenträger eine Zigarette anbot.

 

Die Kreiswehrersatzämter haben das kreative Potenzial ganzer Generationen offengelegt. Wenn es darum ging, eine schwache Konstitution vorzuschützen, kannte die Fantasie mitunter keine Grenzen. Der meistgehörte Tipp war, vorher zehn Tassen Kaffee zu trinken und dadurch den Blutdruck nach oben zu jagen. Von größerer Raffinesse zeugte der Rat, Opa um eine Urinprobe zu bitten, dieselbe in einem Tupperbecher aufs Amt einzuschleusen und auf der Toilette in den Testbecher umzufüllen. Auf diese Weise hoffte man, den Beweis für vorzeitiges Altern zu erbringen.

 

Katzenhaar-Allergiker zogen es bisweilen vor, für einige Wochen das Tier eines Freundes zu versorgen - im Idealfall hatten sich bis zum Musterungstermin rote Hautflecken eingestellt. Manch pazifistisch angehauchter Hausarzt leistete Schützenhilfe, indem er Plattfüße, Ohrensausen und Farbenblindheit zu annähernd lebensbedrohlichen Risiken hochschrieb.

 

Daneben gab es natürlich auch Kandidaten, die das Kreiswehrersatzamt unbedingt als T-Einser verlassen wollten, weil sie zum Beispiel von einer Karriere bei der Luftwaffe träumten. Auch für sie gab es die passende Horrorgeschichte: So hielt sich über Jahrzehnte die Mär, dass man mit zu vielen Pickeln im Gesicht nicht Kampfjetpilot werden dürfe.

 

Viele von Amtsärzten vorgenommenen Entscheidungen stießen immer wieder auf Unverständnis. Da wurde das mit vielfachen Bundesjugendspiel-Urkunden und höchsten Karate-Ehren bedachte Sport-As der Schule als nicht wehrdienstfähig ausgemustert, weil es auf einem Ohr taub war («Als ob man auf dem Kasernenhof gute Ohren haben müsste»). Und den schmalbrüstigen Nerd, der in der Turnstunde beim Wählen der Fußballmannschaften immer bis zuletzt übrig geblieben war, den erwischte es doch: T3 und ab zum Bund!

 

Größe, Gewicht, Brustumfang, Hörvermögen - die bei den Musterungen gesammelten Daten dürften auch Statistikern über Jahrzehnte hinweg wertvolles Material geliefert haben. Zuletzt wurde fast die Hälfte aller Gemusterten als untauglich eingestuft. Das hatte weniger mit einem körperlichen Niedergang des männlichen Bevölkerungsteils zu tun als mit einer Verschärfung der Tauglichkeitskriterien: Der Staat benötigte immer weniger Rekruten.

 

Und nun ist also Schluss. An die Stelle der Kreiswehrersatzämter treten Karrierecenter und Karriereberatungsbüros. Das ist die Sprache des 21. Jahrhunderts. Man könnte fast nostalgisch werden.

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