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Geißler: Zeit der "Basta-Entscheidungen" vorbei.
Geißler: Zeit der "Basta-Entscheidungen" vorbei © dpa
Heiner Geißler: Von allen geliebt.
Heiner Geißler: Von allen geliebt.
03.12.2010

Der Superstar: Alle lieben Geißler

STUTTGART / PFORZHEIM. Eben noch hat er den Konflikt um Stuttgart 21 geschlichtet, jetzt ist er einer der beliebtesten Politiker Deutschlands: Heiner Geißler, Superstar der Republik. Was ist nur dran, an diesem Mann?

Andere würden vielleicht daran zerbrechen. Heiner Geißler nicht. Natürlich nicht. Denn Geißler kann alles. Sogar die Tonnen an Lob mühelos wegstecken, die seit Wochen auf ihn prasseln. Kommentatoren überschlagen sich vor Bewunderung, Politiker verbeugen sich verbal – und jetzt erweist auch noch das Volk dem 80-Jährigen die Ehre. Schneller als man gucken kann, schoss Geißler im ARD-Deutschlandtrend nach oben, auf Platz zwei der Hitliste der beliebtesten Politiker. Nur noch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kommt besser weg

Was nur macht den Mann so unwiderstehlich, der gerade die Schlichtung zu Stuttgart 21 bewältigt hat? „Die Menschen waren beeindruckt, dass Geißler sich sehr detailliert in das Projekt eingearbeitet und seine Funktion mit großem Engagement ausgefüllt hat – und das trotz des hohen Alters“, sagt der Politikwissenschaftler Professor Gerd Langguth. Das allein kann es aber kaum sein.

Ist es auch nicht. Langguth vermutet, dass den Menschen gefallen habe, wie Geißler Nasenstüber an alle Seiten verteilt hat. Da ist es also wieder, dass vielzitierte Gefühl, dass es denen da oben mal einer zeigen müsse. Geißler hat dieses Gefühl befriedigt. Das kommt im Volk gut an – bei anderen Politikern nicht immer. „Herr Geißler ist bereits seit 20 Jahren kein Politiker mehr, sondern eher ein Entertainer“, sagt etwa der Fraktionschef der baden-württembergischen Landtags-FDP, Hans-Ulrich Rülke. Immerhin, Geißler habe dazu beigetragen, dass die Schlichtung öffentlich wahrgenommen wurde. Aktive Politiker seien jedoch in einer grundlegend anderen Situation und müssten klar Position beziehen.

Geißler dagegen konnte sich zurücklehnen und die Kontrahenten genüsslich in die Schranken weisen. Dass er, der Volksentscheide befürwortet, sich trotzdem gegen eine solche Abstimmung aussprach, nahm ihm kaum einer übel. Schon gar nicht die CDU um Ministerpräsident Stefan Mappus, der nach dem Schlichterspruch gestärkt in die Zukunft sehen kann. Auch Mappus’ Parteikollege Gunther Krichbaum, Bundestagsabgeordneter aus Pforzheim, lobt Geißler in den höchsten Tönen. „Er hat eine schwierige Aufgabe mit Bravour gemeistert.“ Und sogar die SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast findet freundliche Worte: Er hat das Land befriedet und erfreut sich daher zu Recht großer Beliebtheit.“ Heiner Geißler Superstar.

Offene Kritik will an so einem keiner üben. Hinter vorgehaltener Hand werden aber einige deutlich. „Der Mann wird uns noch viele Schmerzen zufügen“, unkte vor einigen Wochen ein CDU-Mitglied. Und ein hochrangiger Landespolitiker ätzte: „Geißler interessiert sich doch nur dafür, in möglichst viele Talkshows eingeladen zu werden.“ Immerhin, in einem sind sich alle einig, egal ob sie Rülke, Krichbaum oder Mast heißen: Die Politik müsse aus Stuttgart 21 lernen, die Menschen frühzeitig einzubeziehen und die Fakten verständlich auf den Tisch zu legen.

Und Geißler? Der dürfte nun tatsächlich einigen Talkshows Besuche abstatten. Und wer weiß, vielleicht warten ja auch noch richtig große Aufgaben auf den 80-Jährigen. Mehrfach, so verriet er in einem Interview, sei er in diesem Jahr gefragt worden, ob er nicht Bundespräsident werden wolle. „Ich glaube“, sagte Geißler, „ich hätte das gekonnt.“

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