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Mathias Reinhardt (links) und Javier Arevalo, zwei von drei Gesellschaftern der Disco Zapata GmbH, halten vor dem Zapata in Stuttgart einen 500-Zapatos-Schein in der Hand. Die Gesellschafter legen nummerierte Zapatos im Gesamtwert von 100.000 Euro auf. Das Kunstgeld soll eine neue Währung für Kulturschaffende werden.
Mathias Reinhardt (links) und Javier Arevalo, zwei von drei Gesellschaftern der Disco Zapata GmbH, halten vor dem Zapata in Stuttgart einen 500-Zapatos-Schein in der Hand. Die Gesellschafter legen nummerierte Zapatos im Gesamtwert von 100.000 Euro auf. Das Kunstgeld soll eine neue Währung für Kulturschaffende werden. © dpa
12.11.2011

Disco braucht Geld und zahlt Caipis als Zins

Stuttgart. Eine Disco braucht Geld und sucht sich Investoren. Was gewöhnlich klingt, wird in Stuttgart eine Nummer größer gedacht. Eine Währung für Kulturschaffende soll entstehen. Rendite auf 500 Euro: drei Caipirinha pro Jahr.

Eine Revolution sieht vermutlich anders aus: Mittvierziger sitzen in dunklen Sakkos und mit gegelten Haaren um einen massiven Holztisch und sprechen gedämpft mit herzlich-lachenden Frauen in teuren Jacken. Doch wer am Freitagabend der Runde ein wenig zuhört, der merkt schnell, dass es in diesem Stuttgarter Großraumclub um Großes geht: Eine neue Währung soll her. Sie soll von der Disco in Stuttgart aus in die Kulturwelt hinausziehen und dafür sorgen, dass Kulturschaffende im ganzen Land in einem eigenen Währungskreislauf fair für ihre Arbeit entlohnt werden. Mit launigen Worten erzählt Club-Geschäftsführer Mathias Reinhardt von der Idee. Es klingt nach einer Art Caipirinha-Genossenschaft.

«Das hier sind die Zapatas», erklärt er und zeigt Scheine der neuen Währung. «Es gibt 100er, 200er und 500er und sie sind erst mit einer Nummerierung, Eurer Unterschrift und einem Stempel gültig.» Ein Teilnehmer runzelt die Stirn: Was, wenn jemand die Scheine kopiert? «Alle Scheine sind mit Inhaber in einer Liste hinterlegt», entkräftet Reinhardt. Verzinst würden die Anteile mit fünf Prozent in Form sogenannter «Zapatos», einer Rendite, die nur innerhalb des Kreislaufs selbst verwendet werden kann.

Heißt im Klartext: 500 Euro entsprechen rund drei Cocktails pro Jahr. Damit niemand zu großen Einfluss auf den Kreislauf nehmen kann, ist jede Einlage auf 1500 Euro pro Investor - oder «Zapatisti» - limitiert. «Die Großkapitalistin Lena hat bereits das Maximum», sagt Reinhardt unter großem Gelächter und gibt einer Frau ihre Anteile.

Nach und nach soll dann ein Tauschring entstehen, die Zusammenarbeit mit einem Club in Hoyerswerda sei bereits angedacht, sagt Clubgründer Javier Arevalo. Dort könne dann ein Musiker für seinen Auftritt in Zapatos bezahlt werden und diese in Stuttgart gegen die Arbeit eines Tontechnikers eintauschen. «Das Wichtige ist, dass das Geld in einem bestimmten Personenkreis bleibt», erklärt Reinhardt weiter. Die Kulturschaffenden sollen unabhängiger vom Wohlwollen von Banken werden.

Ein Ziel von Clubinhaber Javier Arevalo klingt dann aber doch ein wenig profaner: Die Renovierung steht an. Man stehe in den roten Zahlen und wolle künftig mit einem neuen Soundsystem aufwarten, 100 000 Euro seien dafür nötig. Das Geld im Währungskreislauf soll auch dafür verwendet werden. Eine Idee, die selbst der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband interessant fand. «Der Markt der Diskotheken ist sicher nicht einfacher geworden», sagte Südwest-Sprecher Daniel Ohl. Rauchverbot, Vergnügungssteuer und rund 25 Prozent Fluktuation bei Clubbetreibern jährlich sorgen für ein turbulentes Marktumfeld. «Da ist es spannend, einen so originellen Finanzierungsansatz kennenzulernen.»

Und auch an diesem Abend scheint die Runde vom Konzept überzeugt. Besonders bei der Verwendung der ersten Tranche horchen sie auf. Die Idee der Clubmacher: In hochwertigem Sound weltweit Konzerte über das Internet möglich machen. «Dann können hier die Rolling Stones auftreten mit 500 Leuten, aber es sehen am Rechner Millionen», sagt Arevalo. Das klingt nach Größenwahn - doch wer die Konzertliste der letzten Jahre liest, spürt, dass solche Pläne hier durchaus auf eine gewisse Erdung treffen. Immerhin standen in den letzten zwei Jahren Größen wie Lady Gaga, Kelly Clarkson, Sven Väth oder Madcon auf der Bühne des rund 1400 Mann fassenden Clubs. Und auch der Name von Club und Währung deuten bereits Kampfbereitschaft an: Beide sind nach Emiliano Zapata benannt, Anführer der mexikanischen Bauernrevolution 1910. Sein Motto: «Besser aufrecht sterben, als auf Knien leben.» dpa