Wer das Ergebnis nicht kannte, hätte Freiburgs Trainer Julian Schuster für den großen Verlierer dieses denkwürdigen Pokalabends halten können. Der SC-Coach vergoss nach dem dramatischen Elfmeterschießen gegen Hertha BSC noch auf dem Spielfeld Tränen. Auf der Pressekonferenz fast eine Stunde später saß der 40-Jährige immer noch mit feuchten, roten Augen.
«Ich kriege jetzt schon wieder Gänsehaut. So ein Elfmeterschießen kann ganz schön hart sein als Trainer. Diese Machtlosigkeit und du spürst den Druck. Das war schon viel. Sehr emotional. Das kann man nicht alles kontrollieren», berichtete Schuster sichtlich aufgewühlt. Die Breisgauer hatten den Berliner Zweitligisten mit 5:4 im Elfmeterschießen niedergekämpft.
Während der Freiburger Coach noch mit seinen Gefühlen rang, waren seine Spieler gedanklich längst einen Schritt weiter und schalteten in den Angriffsmodus – mit dem Traum vom ersten Pokalsieg der Vereinsgeschichte. «Egal, wer kommt. Wir sind bereit. Die Gier ist riesig. Ein Spiel noch und dann sehen wir uns wieder hier», versprach Offensivspieler Derry Scherhant.
Bis zum Sommer trug Scherhant noch das Trikot der Berliner. Jetzt zerstörte er mit Freiburg deren Traum vom Pokalfinale daheim. Herthas Fokus richtet sich jetzt voll auf den Aufstiegskampf. Vielleicht feiert der Hauptstadt-Club im Mai ja doch eine Party im Olympiastadion, nur mit einem anderen Motto. «Wenn wir das alle sieben Tage hinbekommen, was die Freiburger alle drei Tage schaffen, haben wir eine realistische Chance, unseren Traum Mitte Mai zu leben», versprach Trainer Stefan Leitl.
Ersatzkeeper Müller schreibt Pokalmärchen
Am 17. Mai endet die Zweitliga-Saison, dann soll der Bundesliga-Aufstieg perfekt sein. Das große Sehnsuchtsdatum für den SC Freiburg ist der 23. Mai. Wenn das Finale im Berliner Olympiastadion angepfiffen wird, wollen die Freiburger dabei sein. «Ich hätte nichts dagegen. Ich habe Zeit. Es ist ein schönes Stadion», sagte Routinier Matthias Ginter. 2022 standen die Freiburger schon einmal im Finale. Damals verlor man im Elfmeterschießen gegen Leipzig.

«Jetzt nehmen wir einen zweiten Anlauf. Das Trauma vom Elfmeterschießen in Berlin haben wir heute überwunden. Jetzt steht uns nichts im Wege eigentlich», sagte Pokalheld Florian Müller. Der Ersatzkeeper, der in dieser Saison im Pokal den Vorzug vor Noah Atubolu erhält, hatte zwei Elfmeter gehalten. Auch im Halbfinale dürfte der 28-Jährige wieder zwischen den Pfosten stehen.
Im Halbfinale wieder gegen Leipzig?
Klar ist: Es wartet ein Bundesligist im Halbfinale. Bayer Leverkusen und der VfB Stuttgart haben ihr Ticket bereits gelöst. Den letzten Platz machen Rekordmeister FC Bayern München und RB Leipzig unter sich aus. «Ich wünsche mir ein Heimspiel. Der Gegner ist mir egal», erklärte Verteidiger Philipp Treu. «Die Gier ist brutal. Wir wollen das Maximum. Wir sind hungrig und wollen den nächsten Schritt machen.»
Genau die Worte, die die Anhänger des Bundesligisten hören wollen. Wie man im Berliner Olympiastadion feiert, wissen die SC-Fans spätestens seit Dienstagabend. Als die Spieler nach Müllers Parade zur Kurve rannten, gab es kein Halten mehr.

«Es sind über 5.000 Fans hier. Man kennt natürlich auch viele. Das spiegelt diesen wunderbaren Verein wider. Ich bin froh, dass die Mannschaft ihnen das zurückgeben kann», schwärmte Schuster. Freiburg erreichte in drei der letzten fünf Spielzeiten das Halbfinale des DFB-Pokals, keinem Team gelang dies öfter in diesem Zeitraum.
Nun will man aber auch den finalen Schritt gehen. «Wenn du im Halbfinale bist, brauchst du keine anderen Ziele. Wir hatten bisher noch keinen Titel. Das sagt schon alles», sagte Schuster.
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