nach oben
Der Erfolg der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist nach der Überzeugung von Gerlinde Kretschmann nicht vom Himmel gefallen. Foto:dpa
Der Erfolg der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist nach der Überzeugung von Gerlinde Kretschmann nicht vom Himmel gefallen.
03.01.2012

Gerlinde Kretschmann - Mehr als nur die Frau vom MP

Stuttgart. Die Grünen feiern einen historischen Erfolg bei der Landtagswahl, Winfried Kretschmann wird in Baden-Württemberg erster grüner Ministerpräsident. Viele sind erstaunt, doch eine wundert sich nicht: Gerlinde Kretschmann. Nach Überzeugung der 64-Jährigen sind dies die Ergebnisse jahrelanger harter Arbeit vor Ort, zu der auch sie beigetragen hat. «Ich rechne es auch mir an, dass grüne Themen wie Bürgerbeteiligung in der Gesellschaft angekommen sind», sagt die langjährige grüne Kommunalpolitikerin selbstbewusst. «Keiner kann allein etwas bewirken.»

Im Sommer ging die Grundschullehrerin in den Ruhestand. Von Ruhe könne allerdings keine Rede sein, erzählt die Frau im lila-grauen Zwiebellook, die sympathisch und ungekünstelt wirkt. «Ich habe keine Freizeit. Ich bin zum ersten Mal im Leben einfach Hausfrau.» Was sie bisher nebenbei erledigte - Haushalt, Garten, Kochen -, nimmt jetzt einfach mehr Zeit ein.

Gerlinde Kretschmann erinnert sich noch an die Zeit vor 30 Jahren, als sich die Grünen - als absolute Außenseiter in der Politik - in Spelunken trafen. Sie habe veranlasst, dass die Treffen in ordentliche Gaststätten wechselten, erzählt die frühere Grünen-Fraktionschefin von Sigmaringen, einem damals «rabenschwarzen Pflaster». Sie habe immer gewollt, dass die Grünen nicht als Nein-Sager-Partei dastehen, sondern konstruktiv mitgestalten.

Als Beraterin ihres Mannes sieht sich Kretschmann trotz ihrer langjährigen politischen Erfahrung nicht. Zwar spreche sie mit ihm über politische Themen, mische sich aber nicht ein: «Ich musste als Kommunalpolitikerin auch machen, was ich für politisch richtig hielt.» Beobachtet habe sie an ihm, dass er durch das hohe Amt nachdenklicher und ernster geworden ist. «Man kann ja nicht die ganze Woche regieren und dann am Samstag sagen, jetzt ist aber Schluss», erklärt die Frau mit dem dunklen Lockenkopf und der randlosen Brille.

Allerdings sähen sich die Eheleute seltener als in seiner Zeit als Grünen-Fraktionschef im Landtag. Oft übernachte der Ministerpräsident in einem Hotel oder bei einem Bekannten. Freie Wochenenden sind die Ausnahmen. «Wenn es eine Gewerkschaft für Politiker gäbe, müsste die ständig streiken», sagt sie mit einem Lächeln.

Ans Umziehen aus dem liebevoll umgebauten Elternhaus in die Dienstvilla auf dem Gelände von Schloss Solitude denkt sie nicht. «Dort wäre ich ja auch oft allein. Da bin ich doch lieber Zuhause.» Wenn ihr Mann sonntags doch mal im heimischen Sigmaringen-Laiz weilt, sorgt sie für deftiges Essen. Käsespätzle mit Endiviensalat gehören ebenso zu den Favoriten wie Lammbraten und Flädlesuppe.

Und dann ist da noch das ehrenamtliche Engagement: Gerlinde Kretschmann hat in Sigmaringen etwa die Patenschaft für den Verband «wellcome» übernommen, der frischgebackene Eltern entlastet. Zudem ist die Mutter von drei erwachsenen Kindern, die selbst aus einer kinderreichen Familie stammt, Botschafterin der Organisation Mariphil für philippinische Straßenkinder. Auch das Mammografie Screening zur Früherkennung von Brustkrebs will sie vorantreiben. Als Schirmherrin des Projekts «Singende Krankenhäuser» möchte die langjährige Chorsängerin die gesundheitsfördernde Wirkung des Singens betonen. Was diese Projekte verbindet? Sie stehen nicht im Rampenlicht und brauchen noch Aufmerksamkeit.

Kretschmann selbst macht das gestiegene Interesse an ihrer Person nichts aus. Sie werde jetzt von wildfremden Menschen angesprochen, die ihr Grüße oder aufmunternde Worte für ihren Mann mitgeben. Erleichtert resümiert sie: Bis auf das Geschwätz eines Querulanten am Telefon habe sie noch keine negativen Äußerungen erlebt.