nach oben
Die Figur "Imperia" ist in Konstanz am Bodensee zu sehen. Vor 20 Jahren wurde die zehn Meter hohe Statue im Konstanzer Hafen enthüllt. Damals hatten die Stadtväter Probleme damit, eine Hure als Aushängeschild zu zeigen.
Die Figur "Imperia" ist in Konstanz am Bodensee zu sehen. Vor 20 Jahren wurde die zehn Meter hohe Statue im Konstanzer Hafen enthüllt. Damals hatten die Stadtväter Probleme damit, eine Hure als Aushängeschild zu zeigen. © dpa
24.04.2013

Hure als Aushängeschild: 20 Jahre Konstanzer Imperia

Zehn Meter hoch, 18 Tonnen schwer – seit 20 Jahren steht die Imperia im Konstanzer Hafen. Das Dekolleté tief, der Gürtel notdürftig geschlossen, dreht sich die Dame in vier Minuten um die eigene Achse. Dabei hätte sie nach dem Willen der Stadtväter eigentlich gar nicht in der ehemaligen Bischofsstadt am Bodensee aufgestellt werden dürfen. Ihre Errichtung ist einer der größten Coups von Bildhauer Peter Lenk – und eine in Beton gegossene Erinnerung an die weniger ruhmreichen Seiten des Konstanzer Konzils von 1414 bis 1418.

Noch heute muss der in Nürnberg geborene Künstler darüber lachen, wie er seine tonnenschwere Statue in einer Nacht- und Nebelaktion über den Bodensee schmuggelte und den Konstanzer Hafen eroberte. Eine Fähre brachte die zum Teil im Stuttgarter Schauspielhaus gefertigte Dame von Friedrichshafen nach Konstanz. Die Überfahrt habe ein Schweizer Unternehmen finanziert – unter der Bedingung, die Eidgenossen zu verschonen und das Kunstwerk in Deutschland aufzustellen, so Lenk.

Denn wo immer seine satirischen Figuren auftauchen, sorgen sie nicht nur für ein Schmunzeln, sondern auch für jede Menge Ärger. Das Triptychon «Ludwigs Erbe» in Lenks Heimatstadt Bodman (Kreis Konstanz), das nackte Figuren zeigt, die an Angela Merkel und andere Politiker und Spitzenmanager erinnert, bezeichnete Baden-Württembergs CDU-Chef Thomas Strobl als Sauerei. Und die Investitionsbank Berlin hat Lenks Karriereleiter 2012 über Nacht sogar von ihrer Fassade abbauen lassen, weil sich die Belegschaft auf den Schlips getreten fühlte.

Auch in Konstanz kam es 1993 zum handfesten Skandal. Unter dem Beifall tausender Schaulustiger und zum Entsetzen des Gemeinderats wurde am 24. April die tonnenschwere Überraschung enthüllt. Nicht nur die Oberweite war vielen Stadtvätern eindeutig zu viel. Die Dame trug noch dazu zwei hutzelige, nackte Männlein auf den Händen und spottete mit dem Symbol des Reichsapfels und der päpstlichen Tiara der höchsten weltlichen und geistlichen Macht. Auch das Erzbistum Freiburg meldete Bedenken an.

Selbst unter historisch wenig Interessierten sprach sich in der ehemaligen Bischofsstadt Konstanz schnell herum, dass sich die Herren beim Konstanzer Konzil nicht nur um die Wiederherstellung der Einheit der Kirche bemüht hatten, sondern dass es nebenbei in der ganzen Stadt drunter und drüber ging. «600 Damen des horizontalen Gewerbes waren offiziell angemeldet», sagt Helmut Weidhase, der zusammen mit Lenk das Buch «Imperia. Konstanzer Hafenfigur» geschrieben hat.

Allerdings habe die Imperia nicht in Konstanz, sondern im Italien der Hochrenaissance gelebt, so der Literaturwissenschaftler. Erst der französische Dichter Honoré de Balzac (1799-1850) habe die Geschichte der hochgebildeten Kurtisane an den Bodensee verlegt. Der Gemeinderat zeigte sich von der historischen Vorlage unbeeindruckt und wollte die vom Fremdenverkehrsverein initiierte Statue so schnell wie möglich wieder loswerden. Doch die Figur stand auf dem Gelände der Bahn und entzog sich damit dem Einfluss der Räte. Zudem sah das Amt für Denkmalschutz das Konstanzer Stadtbild durch die Dame nicht gefährdet.

Auch wenn es nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick war - die Konstanzer sind mittlerweile stolz auf ihr Hafenweib. Die Imperia sei nicht nur zur Touristenattraktion, sondern zum Wahrzeichen geworden und europaweit immer wieder in den Medien, sagt der Geschäftsführer der Tourist-Information, Norbert Henneberger. Bei Werbeprospekten für die Stadt sehe man sie häufiger als das Münster.

Der Künstler selbst bekommt dafür nach eigenen Angaben nichts. Sogar den Guss der Betonstatue im Wert von 100 000 Mark habe er aus eigener Tasche gezahlt. Er selbst findet seine Figur übrigens immer noch genau so schön wie vor 20 Jahren, sagte Lenk. Schließlich habe seine Frau Bettina Modell gestanden.

Leserkommentare (0)