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Menschenkette gegen Atomkraft. © dpa
13.03.2011

"Jeder Meter zählt" - Auf 45 Kilometern gegen Atomkraft

STUTTGART. „Abschalten!“ „Mappus weg!“ Wie ein Lauffeuer verbreiten sich diese Rufe am Samstag in Stuttgart bis hinauf zur Regierungszentrale von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU). Schulter an Schulter reihen sich die Atomkraftgegner. 60 000 sind es - sie bilden eine riesige Menschenkette bis zum zweitältesten Atomkraftwerk Deutschlands im 45 Kilometer entfernten Neckarwestheim. Die Atom-Katastrophe in Japan gibt dem Protest, der seit Monaten geplant war, eine ungeahnte Aktualität - und könnte sich auch auf die Landtagswahl in zwei Wochen auswirken.

Die Nachrichten und Bilder aus Fukushima haben viele Menschen auf die Straße getrieben. Die Organisatoren hatten mit bis zu 40 000 Teilnehmern gerechnet - gekommen sind 20 000 mehr, viele sind mit Sonderbussen aus ganz Deutschland angereist. „Wir könnten teilweise auch zweireihig stehen“, meldet ein Teilnehmer aus Kirchheim am Neckar auf dem Live-Blog des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Auf dem Stuttgarter Schlossplatz bilden sich lange Schlangen an Ständen, an denen Luftballons mit der roten Atomsonne ausgegeben werden. Viele Demonstranten halten schwarz-gelbe Protestbänder in den Händen. „Jeder Meter zählt“ - so hatten die Veranstalter zuvor für eine Teilnahme geworben.

Unter den Demonstranten sind auch zahlreiche Politiker, vor allem von den Grünen und der SPD. „Das Abschalten von Neckarwestheim war schon vor der Katastrophe in Japan angesagt“, sagt der Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Winfried Kretschmann. Ob der Unfall seiner Partei Auftrieb geben werde, will er nicht beurteilen: „Ich glaube, solche Gedanken sollte man bei so einer Katastrophe nicht haben. Es ist heute ein Tag der Trauer und Sorge.“

Nikolaus Landgraf, Landesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), sagt: „Der Tsunami in Japan muss auch unsere Atomparteien treffen. Wir brauchen bei der Wahl ein politisches Erdbeben.“ Baden-Württemberg müsse am 27. März den Atomausstieg wählen.

In Neckarwestheim gleicht die Menschenkette einem Volksfest. Eine Großfamilie aus Möckmühl bei Heilbronn ist mitsamt ihrer Ziegen angereist. Die zwölfjährige Mirja erzählt, dass sie seit dem schweren Unfall in Japan noch mehr Angst vor den Atomkraftwerken hat. Angst um die Zukunft der Kinder und Enkel - davon ist entlang der Menschkette immer wieder zu hören.„Neckarwestheim soll endlich abgeschaltet werden“, fordern die Vertreter der Initiative „Weilheimer Forum“. Die Landtagswahl müsse deutlich machen, „dass es so nicht weiterläuft“.

Eine der Aktionen entlang der Menschenkette: das symbolische Steckerziehen unter dem Motto „Atomausstieg in die Hand nehmen“. Als die Kette steht, wird bei der Trafostation des AKW Neckarwestheim ein überdimensionaler Stecker aus Pappmaché gezogen. Er wandert von Hand zu Hand wie in einer Feuerlöschkette. Nach etwa einer halben Stunde landet er an einem Sammelpunkt und wird dort in eine Windpark-Attrappe gesteckt.

Auf der Bühne der Großkundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz taucht der Stecker am Ende wieder auf. Unter lautem Applaus der Teilnehmer ruft Christoph Bautz von der Organisation campact: „Eine Regierung, die die Sicherheit der Bevölkerung ignoriert, ist in diesem Bundesland angezählt.“

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