nach oben
Die Gemeinde Linkenheim-Hochstetten wehrt sich gegen eine mögliche Erweiterung des Instituts für Transurane. Die ebenfalls betroffene Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen hatte hingegen bereits 1974 ihr Wappen geändert und ein Atommodell auf ihre Flagge gesetzt. Foto: dpa
atomforschung © dpa
05.07.2011

Karlsruher Atomforschung sorgt für Streit

KARLSRUHE. Kleiner Ort, große Wirkung: Eine Gemeinde bei Karlsruhe setzt alles daran, den Ausbau eines EU-Instituts zu verhindern. Denn dort wird mit nuklearem Material geforscht - und das kommt nicht gut im Zeitalter von Fukushima und Atomausstieg.

Der Streit zieht sich schon über Monate hin, und ein Ende ist nicht in Sicht. Das Institut für Transurane (ITU) bei Karlsruhe soll erweitert werden, aber die kleine Gemeinde Linkenheim-Hochstetten stellt sich quer. Zwar ragt der geplante Ausbau eines Flügels des EU-Institutes nur wenige Quadratmeter in die Gemarkung der Kommune in der Nähe von Karlsruhe hinein. Bürgermeister Günther Johs (Freie Wähler) will aber von den Plänen nichts wissen.

«Ganz Deutschland steigt aus der Atomkraft aus und ausgerechnet bei uns soll ein Atom-Institut ausgebaut werden. Das leuchtet mir nicht ein», ärgert er sich. Der Gemeinderat stimmte gegen das Projekt. ITU-Chef Thomas Fanghänel ist perplex: «Mit so einem Widerstand habe ich überhaupt nicht gerechnet», sagt er. Zu der «jenseits der 40 Millionen» teuren Erweiterung gebe es eigentlich keine Alternative.

Die Bedenken der Kritiker richten sich vor allem gegen das im Institut gelagerte nukleare Material, das für Forschungen benötigt wird. Genehmigt sind dem ITU rund 180 Kilogramm Plutonium, nur ein Bruchteil davon befindet sich im Institut. Als Wissenschaftler empfindet Fanghänel die Abwehr der Atom-Gegner als «verständlich aber sehr emotional». Die Menge an sich habe schließlich nichts mit der Gefährlichkeit zu tun. Die nämlich hänge von der Art des Nuklear-Materials ab.

Über die Baugenehmigung muss das Landratsamt Karlsruhe entscheiden. Vorsorglich ist dort schon mal Post vom ITU-Anwalt eingegangen. «Wir stehen in Kontakt», bestätigt der zuständige Dezernent Jörg Menzel. Die Rede ist von Schadensersatzforderungen, sollte das Amt die Baugenehmigung nicht erteilen. Eine Entscheidung darüber vertagte die Behörde am Mittwoch vergangener Woche (30. Juni). «Das Baurecht hat viele Möglichkeiten. Linkenheim-Hochstetten hat diese gut erkannt», umschreibt Menzel diplomatisch die Volten, mit der die Gemeinde den ITU-Ausbau umgehen will.

Was außerdem fehlt: Die atomrechtliche Lizenz vom Stuttgarter Umweltministerium. Minister Franz Untersteller (Die Grünen) wird am 28. Juli im Institut erwartet. «Er besucht unsere Labors und wird sich ein Bild vor Ort machen», sagt Fanghänel. «Wir sind guten Mutes, dass wir am Ende eine Lizenz bekommen.»

Weniger Bedenken gegen den Bau hat die Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen, obwohl das ITU bislang gänzlich auf ihrer Gemarkung steht. «Das ITU ist ja keine "Atomfabrik", sondern vor allem ein Forschungsinstitut», erklärt Bürgermeister Bernd Stober (Freie Wähler). Er allerdings wünscht sich «mehr Transparenz» und vor allem, «dass das Thema "Menge" noch mal diskutiert wird». Und zwar die Menge des im ITU eingelagerten Plutoniums. «Eine Bevorratung darf es nicht geben», sagt Stober.

Mit einer Mediation wollen die Beteiligten einen Rechtsstreit verhindern. «Ob vor oder doch erst nach der Sommerpause, das wissen wir noch nicht», sagt ein Sprecher des Umweltministeriums. Bis Mitte Juli soll aber zumindest Klarheit über Inhalt und Themen der Mediation herrschen. Schlichter wird dem Vernehmen nach Michael Sailer vom Ökö-Institut in Darmstadt, ein ausgewiesener Atom-Experte, den sich die Gemeinden wie auch ITU-Chef Fanghänel gut vorstellen können.

Besonders kompromissbereit ist die Gemeinde Linkenheim-Hochstetten zur Zeit allerdings nicht. «Medizinische Forschungen oder Forschungen für ein Endlager finden wir in Ordnung», sagt Johs. «Aber wir haben Probleme, wenn es um die Arbeit mit Kernbrennstoffen geht.» Diese sollte doch bitte in die Länder ausgelagert werden, die weiter auf Atomkraft setzen und in denen weitere ITU-Institute stehen - etwa nach Belgien oder Frankreich.

Rathaus-Chef Stober und seine Gemeinde hängen da schon mehr an den Atomforschern, allein schon wegen der 450 Arbeitsplätze und der gemeinsamen Geschichte. Das war den Eggenstein-Leopoldshafenern sogar eine Wappen-Änderung wert: Beim Zusammenschluss der einst getrennten Gemeinden im Jahr 1974 wurden nicht einfach deren beiden Symbole zusammengelegt. Statt einem Ruderer im Fischerboot schmückt jetzt ein Atommodell neben einem Hufeisen das gemeinsame Wappen. «Von uns aus kann das Wappen bleiben, wie es ist», sagt Stober ein wenig trotzig. «Der Mensch besteht ja schließlich auch aus Atomen.» dpa