Landespressekonferenz mit Ministerpräsident Kretschmann
Mehr als 450 Mal nahm Winfried Kretschmann (Grüne) als Ministerpräsident vor der Landespressekonferenz Platz. Heute zum letzten Mal.
Marijan Murat/dpa
Baden-Württemberg
«Fettnäpfchen gut verteilt»: Kretschmann und die Presse

Nach fast 15 Jahren im Amt hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) seine letzte Kabinettssitzung geleitet und sich in der Landespressekonferenz ein letztes Mal den wöchentlichen Fragen der Journalisten gestellt. Er fühle sich irgendwie wie immer und auch doch nicht, sagte Kretschmann. Auch wenn er sich lange dagegen gewehrt habe, empfinde er auch Wehmut. 

Die wöchentliche «Fragerei zu allem und jedem» hab ihn genervt, räumte der 77-Jährige vor Journalisten ein. Aber er habe auch von diesem Format profitiert - dadurch sei er jede Woche unglaublich präsent gewesen in der Öffentlichkeit, was ihn bekannt gemacht habe. Trotzdem sei es nervig, jede Woche «durch den Fleischwolf» gedreht zu werden. 

«Das ganze Ding vermisse ich natürlich nicht, sonst hätte ich ja nicht aufgehört», sagte der Noch-Regierungschef. Aber ihm würden die Journalisten fehlen, die er teils sehr lange kenne. 

Einmaliges Format in Baden-Württemberg

Nach der Sitzung des Kabinetts begab sich der Ministerpräsident in die wöchentliche Landespressekonferenz, um sich den Fragen der Journalisten zu stellen - ein Format, dass es anderswo in der Republik in dieser Form nicht gibt. Er müsste lügen, wenn er sagen würde, er sei immer entspannt in die Landespressekonferenz gegangen, sagte Kretschmann. «Die Fettnäpfchen sind gut verteilt.» 

Er könne sich nicht erinnern, dass er mal «innerlich ausgerastet» wäre angesichts einer Frage der Presse, sagte Kretschmann. Es habe ihn aber geärgert, wenn Sachen aus dem Regierungsbetrieb durchgestochen wurden und er dann dazu Fragen beantworten musste. «Das kann gutes Regieren behindern.» 

Die Fragen der Journalisten hätten aber auch bei ihm etwas ausgelöst, so Kretschmann. Auch wenn er Fragen nicht beantwortet habe, hätten diese immer bei ihm auch Reflexion ausgelöst. «Man kann aus Fragen viel lernen: Was bewegt gerade?», so Kretschmann. Die Journalisten hätten also seine Arbeit nicht nur begleitet, sondern auch mitgeprägt. «Jede Frage ist auch ein Stück Macht, das man hat.» 

Mehr als 500 Kabinettssitzungen geleitet

Zuvor hatte Kretschmann die letzte Kabinettssitzung nach gut 15 Jahren geleitet. Thema sei unter anderem das Abstimmungsverhalten des Landes in der nächsten Bundesratssitzung gewesen, verriet Kretschmann danach vor Journalisten. «Man hat gesehen, dass die Regierung bis zum Schluss arbeits- und handlungsfähig sein muss.»

Für den 77-Jährigen dürften die Kabinettssitzungen inzwischen Routine sein: Laut Staatsministerium leitete er seit 2011 mehr als 500 dieser Sitzung des Ministerrats, in denen mehr als 3.000 Beschlüsse gefasst wurden. 

Letzte Kabinettssitzung von Kretschmann
Vor der Pressekonferenz leitete Kretschmann seine letzte Kabinettssitzung.
Marijan Murat/dpa

Kretschmann ist seit 2011 Regierungschef in Baden-Württemberg. Der Mann mit dem ikonischen Bürstenhaarschnitt ist der erste (und bislang noch einzige) Grünen-Politiker, der dieses Amt in einem deutschen Bundesland übernommen hat.

In seiner ersten Amtszeit regierte Kretschmann in einer grün-roten Koalition mit der SPD, ab 2016 dann mit der CDU. Der Mann mit der trocken-humorigen Art verstand es stets, auch konservative Wählerschichten zu überzeugen - dafür hatte er umso häufiger Ärger mit der eigenen Partei. 

Özdemir soll am 13. Mai zum Nachfolger gewählt werden

Bei der Landtagswahl am 8. März war der 77-Jährige nach drei Amtszeiten nicht mehr angetreten. Nachdem es lange danach ausgesehen hatte, als könnte die CDU in Baden-Württemberg nach 15 Jahren die Macht zurückerobern, gewannen die Grünen mit Cem Özdemir nach einer Aufholjagd die Wahl am Ende knapp.

Landespressekonferenz mit Ministerpräsident Kretschmann
Der 77-Jährige hört als Ministerpräsident auf - und gibt sein Amt am 13. Mai wohl an seinen Parteifreund Cem Özdemir ab.
Marijan Murat/dpa

Özdemir soll am 13. Mai im Landtag zum Nachfolger von Kretschmann gewählt werden - und wäre dann der bundesweit erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln. 

Verabschiedung mit großem Festakt

Kretschmann war bereits in der vergangenen Woche bei einer großen Veranstaltung in Stuttgart feierlich verabschiedet worden - und hatte sich dabei auch etwas emotional gezeigt. Seine freche Ansage, er gehe ohne Wehmut aus dem Amt, könne er nun nicht mehr so ohne Weiteres sagen, so der Regierungschef. 

Er sei dankbar, dass er 15 Jahre Ministerpräsident habe sein dürfen. «Das ist – bei aller eigenen Anstrengung – schon auch eine Gnade», sagte Kretschmann. «Und deshalb bin ich meinem Schöpfer auch sehr dankbar, dass er mich all die Jahre mit guter Gesundheit und einigen Fähigkeiten ausgestattet hat, um dieses Amt auszufüllen.»

© dpa-infocom, dpa:260505-930-36357/2

VG WORT Zählmarke