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In der Justizvollzugsanstalt Adelsheim hat die Massenschlägerei unter rund 50 kurdischen und russlanddeutschen Häftlingen während eines Hofgangs die Bediensteten regelrecht überrollt.
Justizvollzugsanstalt Adelsheim © dpa
26.08.2014

Massenschlägerei im Jugendknast zeigt neue Qualität der Gewalt

Die Gewalt unter Strafgefangenen und gegenüber Bediensteten nimmt schon seit Jahren zu. Die Massenschlägerei im Jugendgefängnis Adelsheim offenbarte jedoch eine völlig neue Qualität. Die Verantwortlichen rätseln nun über Hintergründe und Konsequenzen.

Die Massenschlägerei unter rund 50 Häftlingen während eines Hofgangs im Jugendgefängnis Adelsheim (Neckar-Odenwald-Kreis) hat die Bediensteten regelrecht überrollt. «Diese massive Bündelung von Kräften gezielt gegen Beamte hat es noch nie gegeben», sagte der Landesvorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten (BSBD), Alexander Schmid, der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. Landauf und landab fragten sich nun viele Kollegen, wie es weitergeht. «Vor allem die Frage: «Wie sicher bin ich an meinem Arbeitsplatz?» treibt viele um.»

In der vergangenen Woche waren zwei Gruppen von Häftlingen aufeinander losgegangen. Deutsche, Kurden und Türken sollen dabei eine Gruppe Russlanddeutscher attackiert haben, meldete „Bild“.16 Beamte schritten ein und wollten schlichten. Sechs wurden so schwer verletzt worden, dass sie dienstunfähig sind.

Schmid vermutet, so wie auch die Gefängnisleitung, einen Machtkampf unter den Insassen. «Offene Rechnungen mussten wohl geklärt werden.» Es könne dabei um Drogen oder auch um Vergeltung für Beleidigungen gegangen seien. Die genauen Hintergründe würden im Gefängnis nun erstmal analysiert.

Für Schmid ist vor allem erschreckend, dass die Lage auf dem Hof trotz 16 Beamten vor Ort derart eskalieren konnte. «Normalerweise dienen so viele Beamte als Abschreckung. Dass die Gefangenen sich diesmal davon nicht beieindrucken ließen, ist für viele Kollegen bedrückend», betonte Schmid, der selbst in der Justizvollzugsanstalt in Konstanz arbeitet. «Man musste immer damit rechnen, Opfer eines Übergriffs zu werden. Und jetzt erst recht.»

Waffen waren bei der Auseinandersetzung laut Schmid wohl nicht im Spiel. Die zehn Haupttäter im Alter von 18 bis 20 Jahren wurden in andere Vollzugsanstalten verlegt.

In Adelsheim hatte ein Häftling vor einigen Jahren eine Justizbeamtin von hinten angegriffen, mit Schlägen und Tritten massiv attackiert und sie zu Boden geschlagen. Das Opfer erlitt Platzwunden und Prellungen. «Die Beamtin ist seither nicht an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt», sagte Schmid. Die seelischen Wunden heilten viel langsamer als die körperlichen. Der Krankenstand unter den Bediensteten wachse jährlich, mit zuletzt 21,2 Krankentagen (2012: 19,6 Krankentage) im Jahr 2013. «Das ist alarmierend und besorgniserregend», betonte der Gewerkschafter.

Schmid forderte die grün-rote Landesregierung auf, im Justizbereich nicht noch weiter zu sparen. «Ich hoffe, dass so ein Ereignis zum Umdenken bei den Politikern führt.» Weitere Einsparungen würden nur auf dem Rücken der Bediensteten und auch der Gefangenen ausgetragen.

In Adelsheim sind fast 340 Menschen untergebracht. «Die Zahl der Gefangenen im Südwesten sinkt stetig. 2013 waren es durchschnittlich 7128, zehn Jahre vorher lag die Zahl noch bei mehr als 8600.»

Zu glauben, dass bei sinkenden Gefangenenzahlen auch Kapazitäten bei den Bediensteten frei würden, sei ein Trugschluss, erklärte Schmid. Schon seit Jahren rangiere der Südwesten bundesweit auf den unteren drei Plätzen, was die Personalausstattung angeht. «Bald wird es einer der letzten zwei sein», sagt Schmid, da in Bayern 200 neue Stellen für Justizvollzugsbeamte geschaffen werden sollen. Um das Bundesniveau zu erreichen, müssten laut dem Gewerkschafter im Land 370 neue Stellen geschaffen werden.