Kein ganzes Jahr nach dem Start muss die Drogeriemarktkette dm ihre Online-Apotheke dm-med vor Gericht verteidigen. «Das ist ein hart umkämpfter Markt», sagte der Vorsitzende Richter Steffen Wesche am Landgericht Karlsruhe, das den Fall prüft. Die Details:
Was ist dm-med?
Kurz vor Weihnachten 2025 hat dm angefangen, nicht verschreibungs-, aber apothekenpflichtige Medikamente wie manche Schmerzmittel online zu verkaufen. Dafür hat das Karlsruher Unternehmen eigens eine Tochtergesellschaft in Tschechien gegründet. Der Online-Shop dm-med ist über die dm-Homepage erreichbar und wird dort als Partner bezeichnet.
Wie lautet die Kritik?
Die Wettbewerbszentrale, die unter anderem Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft vertritt, will die Online-Apotheke im Grunde verbieten lassen. Die Anwälte verwiesen unter anderem auf Gesundheitsrisiken, wenn Medikamente etwa falsch dosiert würden. Außerdem fehle Auswahl für Kunden.
Konkret soll dm es unterlassen, apothekenpflichtige Arzneimittel gegenüber Endverbrauchern zum Kauf anzubieten und/oder zu verkaufen und/oder in den Verkehr zu bringen. «Es geht um ein ganzes Geschäftsmodell», sagte Wesche.
Was entgegnet dm?
Das Unternehmen sieht sich mit dem Online-Auftritt rechtskonform aufgestellt. Man müsse sich bis zur Unterseite dm-med durchklicken, es gebe zum Beispiel getrennte Warenkörbe und Rechnungen, argumentierten die Anwälte. Auch sehen sie keine größere Gefahr für die Gesundheit mangels Auswahl - und Kunden könnten frei entscheiden, ob sie bei dm-med etwas bestellen.

Allerdings startete das Unternehmen Anfang dieses Monats eine bundesweite Kommunikationskampagne, mit der es deutlich machen will, «wie einfach sich Drogerieartikel von dm und Apothekenprodukte von dm-med in nur einem Bestellvorgang gemeinsam digital einkaufen lassen». Der Claim: «Alles zusammen. Einfach bestellt».
Was prüft das Gericht?
Es gehe darum, ob dm-med eher eine Ecke in einer Drogerie sei - was verboten wäre, sagte Wesche. Oder ob es sich um eine Apotheke handle, die mit einer Drogerie zusammenarbeite. Dabei spiele eine Rolle, wie der Gesamteindruck auf Kundschaft wirke. Diese komme auf der dm-Homepage im Vergleich zu Plattformen wie Amazon nur zu einer Apotheke - auch das schaut sich die Kammer an.
Wann urteilt das Gericht?
Das ist für 9. Dezember geplant. Weil die Thematik aber noch nicht höchstrichterlich geklärt ist, dürfte das Verfahren durch die Instanzen bis zum Bundesgerichtshof (BGH) gehen.
Wie groß ist das Interesse an dm-med?
Die bisherige Nutzung entspricht laut dm den Erwartungen. Ein Viertel der dm-med-Kundschaft bestelle rein aus diesem Sortiment. Die restlichen 75 Prozent hätten bei einem Einkauf auch andere Drogerieartikel im Warenkorb. Welchen Anteil am Umsatz dm-med ausmacht, teilte das Unternehmen nicht mit. Deutlich überwiegend seien nach wie vor reine Drogerie-Einkäufe - also ohne Produkte aus dem Sortiment von dm-med.

Generell werden Medikamente immer häufiger im Internet gekauft. Online-Apotheken wie Redcare Pharmacy (früher Shop Apotheke) und DocMorris verzeichnen eine steigende Nachfrage. Die Kategorie Medikament zählte im vergangenen Jahr zu den Gewinnern im Online-Handel. Der Umsatz stieg in Deutschland um sechs Prozent, wie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel mitteilte. Ein wichtiger Grund für den Zuwachs ist das 2024 eingeführte E-Rezept.
Welche Pläne hat dm?
Die Karlsruher prüfen, das Angebot auszuweiten. So werden in Deutschland auch Tierarzneimittel in Apotheken verkauft. «Hierzu haben uns viele Anfragen erreicht», sagte Geschäftsführer Marketing + Beschaffung, Sebastian Bayer, vor der Verhandlung.
Außerdem könnte eine Versandapotheke in anderen Ländern eingeführt werden. Konkret überlegt dm das für Österreich. Dort seien die Regularien jedoch noch strenger als in Deutschland. In Polen wiederum seien sie lockerer: Dort dürfe dm beispielsweise Aspirin auch in Filialen verkaufen.

Welche Pläne haben andere Drogerien?
Rossmann hat zum Ende dieses Jahres eine Versand-Apotheke angekündigt. Dort sollen Patientinnen und Patienten auch ihr E-Rezept einlösen können. Von Müller sind keine derartigen Pläne bekannt. Auf Nachfrage hieß es, dass man sich dazu «aus unternehmerischen Gründen aktuell nicht äußern möchte».
Was sagen Apotheker zu der Entwicklung?
Der Deutsche Apothekerverband hatte beim Start von dm-med gewarnt, dass Menschen mit gesundheitlichen Problemen verunsichert werden könnten, wenn der Unterschied zwischen Apotheke und Drogeriemarkt verwässert werde. Auch wollten sich drei Viertel aller Patientinnen und Patienten in der Apotheke vor Ort in Sachen Selbstmedikation beraten lassen.
Erst vor wenigen Tagen bezeichnete der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Thomas Preis, den Versandhandel - vor allem aus dem Ausland - als Störfaktor für die flächendeckende, wohnortnahe Arzneimittelversorgung. Mit der jüngsten Apothekenreform sei eine weitere Chance verpasst worden, den Versandhandel angemessen zu regulieren.
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