Für Sebastian Hoeneß war es ein «Wahnsinnsspiel», für seinen Trainerkollegen Christian Ilzer gar «das kleine PSG gegen den FC Bayern». Die TSG 1899 Hoffenheim und der VfB Stuttgart lieferten sich beim 3:3 (2:1) ein leidenschaftliches Offensiv-Spektakel, wenn auch nicht auf dem Niveau des Champions-League-Krachers von Paris mit dem 4:5 der Münchner. Nach der packenden Partie der beiden Landesrivalen saß einer mit leeren Augen auf der Bank, der sich plötzlich doch nicht als Held des Tages feiern lassen durfte.
«Sehr unreif und sehr chaotisch»
Als Tiago Tomas mit seinem Ausgleichstor in der Nachspielzeit (90.+6) den Kraichgauern noch den Sieg entriss, da war Andrej Kramaric bereits ausgewechselt worden. Noch eine gute halbe Stunde später reagierte der 34 Jahre alte Hoffenheim-Star fassungslos auf den vergebenen Sieg. «Das war schon Wahnsinn und sehr unreif und sehr chaotisch», kritisierte er.
Alles war angerichtet für Kramaric: Unmittelbar vor dem Anpfiff verkündete die «Club-Legende» (Sport-Geschäftsführer Andreas Schicker) auf einer kurzen Videobotschaft seine Vertragsverlängerung - für zwei Jahre, wie der Angreifer später verriet. Dann erzielte er auch noch die Tore zum 1:0 (8.) und 3:1 (49.).
Glatt Rot für den VfB-Kapitän
Was sollte da noch passieren? Hoffenheim stürmte und stürmte, traf zweimal den Pfosten, spielte seine Konter miserabel aus und kassierte - nachdem Kramaric den Ball verloren hatte - das 3:2 durch Ermedin Demirovic. Der VfB verlor Kapitän Atacar Karazor, der Fisnik Asllani bös in die Ferse trat und vom Platz flog. Und dann rannten die Stuttgarter nach der letzten Aktion mit Tomas' Tor doch noch völlig losgelöst zur Gäste-Kurve.

«Ich habe schon viel gesehen, auf dem Platz und im Fernsehen. Aber ich habe nicht oft solche Spiele erlebt», sagte Kramaric, mit Kroatien 2018 WM-Zweiter und 2022 WM-Dritter. «Ich bin nicht schockiert vom Ergebnis, von der letzten Sekunde. Ich bin schockiert, wie wir die letzten 20 Minuten mit einem Mann mehr gespielt haben», klagte er im Sky-Interview.
VfB jetzt gegen Leverkusen gefordert
Während die Hoffenheimer im Kampf um die Champions-League-Teilnahme einen Riesenschritt verpassten, wahrte der VfB zumindest das bessere Torverhältnis im Vergleich zur TSG. Aber: Bayer Leverkusen zog mit dem 4:1 gegen RB Leipzig an dem Duo aus Baden-Württemberg (alle 58 Punkte) vorbei.
«Eine unglaubliche Energieleistung» nannte Stuttgarts Sportvorstand Fabian Wohlgemuth die Aufholjagd des DFB-Pokalfinalisten. «Auch wenn es heute nicht drei Big Points waren, war es auf jeden Fall ein Big Point. Wir können es noch aus eigener Kraft – und das ist das Wichtigste – schaffen.» Denn am Samstag fordern die Schwaben Leverkusen und können Bayer wieder vom vierten Platz verdrängen, der für die Königsklasse auf jeden Fall reicht.
«Wir werden ein bisschen weinen»
«Dieser Warnschuss, der sollte schon noch ein bisschen im Rohr bleiben im Laufe der Woche in der Vorbereitung auf Leverkusen, dann kann er uns sehr helfen», sagte VfB-Coach Hoeneß, der mit dem Auftritt seiner Mannschaft vor 30.150 Fans in Sinsheim in der ersten Halbzeit haderte.
Sein Gegenüber Ilzer meinte nach der gefühlten Niederlage tapfer: «Ich juble lieber in zwei Wochen, als dass ich heute gejubelt hätte.» Ozan Kabak suchte nach Worten. «Wir werden ein bisschen weinen oder so – ich weiß nicht», sagte der Innenverteidiger. Von einem «Punch ins Herz» sprach Kramaric.
Zu den vielen Geschichten des Spiels gehörten auch die Großtaten von Alexander Nübel, der das persönliche Duell der Nationaltorhüter gegen Oliver Baumann gewann. Der TSG-Kapitän sah schlecht beim 1:1 aus, als ihn der erneut starke Chris Führich aus spitzem Winkel düpierte. Beide Keeper schafften es aber auch, einen gegnerischen Stürmer (Deniz Undav und Asllani) so anzuschießen, dass sie nur mit viel Dusel nicht hinter sich greifen mussten.
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