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Ein Kran lädt Holzbohlen ab  – das ist der einzige Lärm, der derzeit in Niederbühl von der Bahn ausgeht. Im Vergleich zum üblichen Zugverkehr kommt das den Anwohnern wie himmlische Stille vor. Foto: Deck
Ein Kran lädt Holzbohlen ab – das ist der einzige Lärm, der derzeit in Niederbühl von der Bahn ausgeht. Im Vergleich zum üblichen Zugverkehr kommt das den Anwohnern wie himmlische Stille vor. Foto: Deck
Maik Ledwina wohnt nahe der Unfallstelle – und wundert sich noch immer über das Unglück.
Maik Ledwina wohnt nahe der Unfallstelle – und wundert sich noch immer über das Unglück.
16.08.2017

Tage der Stille: Tunnelhavarie an Rheintalbahn hinterlässt ungewohnte Ruhe

Zu hören ist seit Tagen fast nichts. Sonst donnert ein Zug nach dem anderen direkt an den Häusern der Siedlung Niederbühl im badischen Rastatt vorbei. Nur ein Kranwagen lädt schwere Holzbohlen von einem Laster. Ziemlich ruhig für die dramatische Lage, die eine Havarie in der Tunnelbaustelle unter der Rheintalbahn, einer der am meisten befahrenen Strecken in Europa, ausgelöst hat.

Direkt an der Bahnstrecke wohnt Maik Ledwina. „Die machen Sachen, die ich nicht verstehe“, sagt er über die Bauarbeiten der Bahn. Etwa, warum nur fünf Meter unter der Oberfläche ein Tunnel gebohrt werde. Oder das Vereisungsverfahren der Bahn: „Da hat vor ein paar Wochen einer von denen noch gelobt, dass die das das erste Mal einsetzen. Premiere!“, sagt der Diplom-Informatiker. In der Zeitung habe er gelesen, dass das Verfahren bereits international getestet wurde. „Wie kann dann sowas passieren?“

Er ist einer von wenigen Anwohnern, die sich zu dem Thema äußern wollen. Die Häuser um jene Stelle, wo am Samstag plötzlich Gleise abgesackt waren, stehen leer. Sie wurden aus Sicherheitsbedenken geräumt, die Bewohner sind seitdem im Hotel untergebracht. Andere vermeiden Gespräche mit der Presse und bitten um Verständnis. „Heute möchte ich nichts sagen“, sagt ein älterer Mann freundlich. Sein Haus liegt im abgesperrten Bereich. Eine Gruppe von drei älteren Herren wendet sich sofort ab. Zuvor hatte sie ein Mitarbeiter der Bahn angesprochen.

Vieles bleibt ungewiss

Was die Bahn sonst gerade macht und plant, bleibt in weiten Teilen ein Rätsel. Am Dienstag sagte der Konzernbevollmächtigte der Bahn für Baden-Württemberg, Sven Hantel, man prüfe verschiedene Optionen. Am wahrscheinlichsten sei es, den Tunnel auf einer Länge von 50 Metern mit Beton zu füllen, um die Gleise wieder zu stabilisieren. Die Wiederinbetriebnahme des Schienenverkehrs habe oberste Priorität, sagte Hantel. Auch Tage nach dem Vorfall kann das Unternehmen aber noch keine Ursache nennen.

Anwohner Ledwina hat nach eigenen Angaben bereits beobachtet, wie seit Dienstagnachmittag Beton in einen Schacht gepumpt wird. Tatsächlich ist auf dem Gelände ein Betonmischer zu sehen. Die Arbeiten laufen ruhig und ohne Aufregung.

Das war am Samstag noch ganz anders, erinnert sich der 38-Jährige. „Plötzlich sind die Ingenieure und Vermessungstechniker hektisch herumgelaufen“. Angst um seine Familie habe er aber nicht, eine Evakuierung halte er für unwahrscheinlich. Sauer ist er dagegen, weil es durch die Bohrungen zu Rissen an der Hausfassade gekommen sein soll.

Auch Anwohner Manfred Herrmann klagt über die Schäden, die durch die Bauarbeiten entstanden sein sollen. Er bedauert auch, dass man mit dem Auto nun durch die ganze Stadt fahren müsse, um zur Sporthalle auf der anderen Seite der Schienen zu gelangen. Trotz der unmittelbaren Nähe zur Baustelle hat der 81-Jährige den Vorfall nach eigenen Angaben nicht mitbekommen. „Wir wissen mehr aus den Medien als von der Bahn.“