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Ein Hund der Rasse Kangal steht im Tierheim Stuttgart in seinem Gehege. Ein Kangal hatte am 30.05.2017 in Stetten am kalten Markt eine 72 Jahre alte Frau totgebissen.
Ein Hund der Rasse Kangal steht im Tierheim Stuttgart in seinem Gehege. Ein Kangal hatte am 30.05.2017 in Stetten am kalten Markt eine 72 Jahre alte Frau totgebissen. © dpa
Tierpfleger Stefan Groß steht im Tierheim Stuttgart mit den Kangals Yaman und Asena in ihrem Gehege.
Tierpfleger Stefan Groß steht im Tierheim Stuttgart mit den Kangals Yaman und Asena in ihrem Gehege. © dpa
08.06.2017

Tierschutzbeauftragte: Nicht alle Kangals sind Attentäter

Wo setzt man an, wenn man tödliche Hundeattacken vermeiden will - bei den Tieren oder deren Haltern? Baden-Württembergs Tierschutzbeauftragte plädiert für mehr Fachwissen bei den Hundehaltern.

Stuttgart. Die baden-württembergische Tierschutzbeauftragte Julia Stubenbord hat nach einer tödlichen Attacke eines Kangals auf eine Seniorin vor einer Verteufelung der Hunderasse gewarnt. «Der Kangal hat ein ruhiges Wesen und ist auch als Familienhund geeignet, man muss ihn aber zwingend ausreichend beschäftigen und gut sozialisieren», sagte Stubenbord der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. «Wir sollen den Kangal nicht unter Generalverdacht stellen», rät auch die Stuttgarter Tierheimleiterin Marion Wünn.

Das Tier, das vor einer Woche in Stetten am Kalten Markt (Kreis Sigmaringen) eine 72-Jährige getötet hatte, sei verhaltensgestört gewesen, erläuterte Stubenbord. «Das war ein tragischer Einzelfall, Kangals sind nicht alle Attentäter.» Selbst wenn der aus der Türkei stammende, sehr selbstständig agierende Herdenschutzhund in der Polizeiverordnung unter die Kategorie Kampfhunde gefallen wäre, hätte dies das Unglück nicht verhindern können, sagte Stubenbord. Denn der Vierbeiner sei nicht ausreichend gesichert gewesen.

Die Tierärztin, die am 1. Juni die Stabsstelle der Landesbeauftragten für den Tierschutz übernommen hat, plädiert für einen Sachkunde-Nachweis für die Haltung bestimmter Rassen wie den Kangal. Damit solle sichergestellt werden, dass der Halter sich mit dem Normalverhalten des Hundes auseinandergesetzt hat, um so auch Verhaltensauffälligkeiten zu erkennen, diesen entgegenzuwirken und Konfrontationen zwischen Hund und Mensch vorzubeugen. «Das wäre im Sinne des Tierschutzes», sagte Stubenbord.

Für die öffentliche Sicherheit und Ordnung sei die derzeitige Gesetzgebung im Südwesten ausreichend, erläuterte sie. Ob von einem Sachkunde-Nachweis eine präventive Wirkung ausgehe, sei noch zu prüfen. Sie verwies auf den Hundeführerschein, den in Nordrhein-Westfalen alle Ersthalter absolvieren müssen, um sicherzustellen, dass sie das Tier artgerecht halten. In Schleswig-Holstein und Thüringen sei der Führerschein für Halter von Hunden vorgeschrieben, die auf einer Liste gefährlicher Hunde stehen. «Es ist uns noch nicht bekannt, ob das auch weniger Beißvorfälle nach sich zieht.»

Tierheimleiterin Wünn hält nichts davon, Aggressionspotenzial mit einer bestimmten Rasse zu verbinden. «Jeder Hund kann beißen, ob Dackel, Schäferhund oder Mischlingshund, wenn er nicht sozialisiert wurde», sagte Wünn, die selbst einen Kangal hält. Herdenschutzhunde wie der Kangal gehörten nicht in Anfängerhände. Statt bestimmte Rassen auf eine Liste von Kampf- oder gefährlichen Hunden zu setzen, schlägt sie einen Hundeführerschein für alle Halter vor. «Wenn mehr sachkundige Halter unterwegs wären, gäbe es weniger Beißunfälle.»

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