Angesichts wachsender Gewalt unter Kindern bringt die Landesregierung eine Absenkung der Strafmündigkeit ins Gespräch. Im vergangenen Jahr wurden in diesem Deliktfeld so viele tatverdächtige Kinder bis 13 Jahre registriert wie seit mindestens zwei Jahrzehnten nicht, wie das Innenministerium der dpa mitteilte. Ob das ein absoluter Höchstwert ist, blieb zunächst offen. Die Polizei erfasste 2025 im Südwesten 1.243 tatverdächtige Kinder im Bereich der Gewaltkriminalität – vor zehn Jahren waren es noch 456.
Innenminister Thomas Strobl stellt deshalb die geltende Altersgrenze bei der Strafmündigkeit infrage. «Die bisherige Regel ist über 100 Jahre alt und ein 14-Jähriger ist heute ein anderer als ein 14-Jähriger 1923», so der CDU-Politiker. Damals habe es etwa kein Internet und keine sozialen Medien gegeben. «Das müssen wir zwingend und dringend auf den Prüfstand stellen.»
Wann beginnt Verantwortung?
Nach aktueller Rechtslage müssen sich Kinder in Deutschland erst ab 14 Jahren strafrechtlich verantworten. Diese Grenze wurde 1923 festgelegt. In gravierenden Fällen kann der Staat jedoch anderweitig eingreifen und Schutzmaßnahmen veranlassen, etwa eine Inobhutnahme.
In einem Brief an den Bund fordern Strobl und Landesjustizministerin Marion Gentges (CDU) nun, eine Studie zur «altersbezogenen Entwicklung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit bei Kindern» in Auftrag zu geben. Diese solle ausdrücklich auch die Strafmündigkeitsgrenze überprüfen.

Gentges hatte bereits vor einem Jahr Bund und Länder aufgefordert, die Strafmündigkeit von Jungen und Mädchen intensiver zu diskutieren. Auslöser war ein tödlicher Streit unter Kindern an einer Stadtbahnhaltestelle in Stuttgart. Ein 13-Jähriger hatte einen Zwölfjährigen im Streit vor eine einfahrende Tram gestoßen – allerdings nicht in der Absicht, dass der Junge von der Bahn erfasst wird, wie Ermittler später berichteten.
Kindergewalt sorgt für Aufsehen
Immer wieder erschüttern Fälle von Kindergewalt die Öffentlichkeit. Ende Januar erst war in Dormagen zwischen Köln und Düsseldorf die Leiche eines 14-Jährigen an einem See entdeckt worden. Ein 12-jähriger Mitschüler soll ihn getötet haben – der Junge befindet sich in der Obhut des Jugendamtes.
Zwei Mädchen im Alter von 11 und 14 Jahren hatten vor einem Jahr in einem Hallenbad in Lauda-Königshofen (Main-Tauber-Kreis) eine Frau mit geistiger und körperlicher Behinderung beleidigt, geschlagen und ihr eine Plastiktüte über den Kopf gezogen. Den Angaben zufolge waren die Mädchen bereits polizeibekannt – unter anderem wegen Körperverletzung und Ladendiebstahls.

Strobl will am Donnerstag die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für den Südwesten vorstellen. Bei der Kinder- und Jugendkriminalität zeigen sich in mehreren Bereichen positive Trends: Die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren sank im Vergleich zum Vorjahr um 9,6 Prozent auf 43.899. Klammert man das Pandemie-Jahr 2021 aus, ist das laut Ministerium der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Verstöße gegen das Ausländerrecht wurden nicht berücksichtigt.
Körperverletzungen: Plus 120 Prozent in zehn Jahren
Auch die Zahl tatverdächtiger Kinder bis 13 Jahre ging im Vergleich zum Vorjahr um 5,3 Prozent zurück. Langfristig zeigt die Entwicklung jedoch nach oben. Seit 2016 sei die Zahl tatverdächtiger Kinder im Südwesten um rund 57 Prozent gestiegen, warnt Strobl. «Bei den Körperverletzungsdelikten fällt der Anstieg mit einem Plus von knapp 120 Prozent noch krasser aus.» Man müsse sich deutlich intensiver mit Kindergewalt auseinandersetzen.
Höchststand bei Gewaltkriminalität
Bei der Kinder- und Jugendkriminalität handelt es sich laut Ministerium überwiegend um Körperverletzungen sowie Diebstähle, häufig Ladendiebstähle. Der jüngste Rückgang sei vor allem auf sinkende Zahlen beim Ladendiebstahl (minus 18,2 Prozent), beim Schwarzfahren (minus 27,1 Prozent) und bei Rauschgiftdelikten (minus 42 Prozent) zurückzuführen – die Teil-Legalisierung von Cannabis mache sich statistisch bemerkbar, berichtet das Ministerium.

Die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren im Bereich der Gewaltkriminalität sank 2025 um sieben Prozent auf 6.237, liegt aber weiterhin über dem Zehnjahresmittel. In der Altersgruppe der Kinder steigt die Zahl hingegen weiter – auf 1.243, den höchsten Stand seit vielen Jahren.
Gewalt an Schulen rückläufig
Die Gewalt an Schulen ist im Vergleich zum Vorjahr rückläufig, bleibt jedoch relevant: 2025 wurden 214 Lehrkräfte sowie 2.612 Schülerinnen und Schüler Opfer einer Straftat – 7,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Seit 2016 sei die Zahl der Opfer jedoch um knapp 70 Prozent gestiegen, so das Ministerium. Besonders deutlich sei der Zuwachs bei Körperverletzungen.
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