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Die Grünen in Baden-Württemberg haben jetzt in der Regierungskoalition mit der SPD die Chance, den Strommix des Landes neu zusammenzusetzen. © dpa
30.03.2011

Woher kommt der Strom ohne Atom?

KARLSRUHE. Zwei der vier Atommeiler im Südwesten sind abgeschaltet, doch die Lichter im Südwesten sind nicht ausgegangen. Zu viel Strom hat Baden-Württemberg allerdings auch wieder nicht. Mehr als zehn Prozent des Jahresbedarfs musste das Land schon bisher importieren. Die künftige Energieversorgung mit immer weniger Atomstrom ist eines der Topthemen bei den Koalitionsverhandlungen in Stuttgart. Grün-Rot will so schnell wie möglich auf erneuerbare Energien umsteigen. Wie schnell das geht, ist unklar.

Wieviel Strom kommt aus der Atomkraft?

Bildergalerie: Mahnwache in Pforzheim gegen Atomkraft

Im Jahr 2009 kam laut Umweltministerium knapp die Hälfte der Stromproduktion im Land aus den EnBW-Atommeilern Neckarwestheim I und II sowie Philippsburg I und II. Neckarwestheim I ist endgültig heruntergefahren, Philippsburg I zunächst nur für die Dauer des dreimonatigen Moratoriums. Grün-Rot setzt sich dafür ein, dass Philippsburg I für immer abgeschaltet bleibt. Beide Altmeiler zusammen haben zuletzt nach Angaben des Wirtschaftsministeriums knapp 17 Prozent des baden-württembergischen Strombedarfs abgedeckt.

Wie wird dieser Ausfall kompensiert?

Vor allem durch Zukäufe von der Leipziger Strombörse, also auch durch Atomstrom aus dem Ausland, durch die Wiederbelebung alter und die Kapazitätserweiterung vorhandener Kohle- und Gaskraftwerke. Das Umweltministerium mahnt: «Wir brauchen Energiespeicher für den überschüssigen Strom, der bei viel Wind und Sonne von Kollektoren und Windrädern produziert wird. Und wir benötigen einen Ausbau der Netze.»

Bis wann ist eine Energiewende realistisch? Was ist, wenn die beiden anderen Atommeiler auch vom Netz müssen?

Ein weiterer Ausbau von Kohle- und Gaskraftwerken wäre wegen des CO2-Ausstoßes und der damit verbundenen Klimaerwärmung ökologisch verheerend. Die Grünen verweisen stattdessen auf den Dreiklang: «Energiesparen, Energieeffizienz, Erneuerbare.» Ein Atom-Ausstieg sei bis 2017 machbar. Der Sprecher des Umweltministeriums, Karl Franz, hält dagegen: «Erneuerbare Energien sind derzeit noch nicht in der Lage, die Atomkraft komplett zu ersetzen.»

Wie ist es um die erneuerbaren Energien im Land bestellt?

Das Statistische Landesamt weist für 2009 einen Stromanteil von 15 Prozent aus Wind, Wasser, Biomasse und Sonne aus, was etwa dem Bundesschnitt entspricht. Über die Hälfte davon kommt aus der Wasserkraft, nur rund sechs Prozent steuern die 370 Windkraftanlagen bei. Hinter der Atomkraft und der Steinkohle rangieren die erneuerbaren Energieträger somit an dritter Stelle im Strommix.

Wo werden die größten Potenziale gesehen?

«Die größten Potenziale liegen in der Windkraft», schätzt Ministeriumssprecher Franz. Mit einem Anteil von nur einem Prozent an der Gesamtstromproduktion ist das Land im bundesweiten Vergleich weit hinten. Einer Greenpeace-Studie zufolge lässt sich die Windenergienutzung im Südwesten bis zum Jahr 2020 verfünffachen. Dazu sollten jährlich 70 bis 80 Windräder gebaut werden. Selbst die größeren Alternativ-Energie-Projekte können leistungsmäßig nicht mit konventionellen Kraftwerken abseits der Kernenergie mithalten: Der neue Steinkohle-Block am Karlsruher Rheinhafen und der neue Kohleblock 9 des Großkraftwerkes Mannheim sind auf jeweils über 900 Megawatt ausgelegt.

Wie ausbaufähig ist die Wasserkraft?

Sie leistet mit einem Anteil von 7,7 Prozent an der gesamten Stromversorgung von den Alternativ-Energien den größten Beitrag. Ihr Ausbau stößt aber an natürliche und EU-rechtliche Grenzen. Das Potenzial wird vom Ministerium auf höchstens zehn Prozent geschätzt. Die Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke ist hingegen überzeugt, dass doppelt so viel Strom wie bisher erzeugt werden könnte - für mehr als fünf Millionen Menschen. Die EnBW baut in Rheinfelden ein neues Laufwasserkraftwerk mit einer Leistung von 100 Megawatt. Außerdem erweitert das Unternehmen das Wasserkraftwerk Iffezheim auf eine Leistung von 148 Megawatt.

Was ist mit Sonne, Biomasse und Co.?

Die Biomasse ist mit rund fünf Prozent an der Gesamtstromerzeugung vertreten, die Photovoltaik mit guten zwei Prozent. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ist dennoch überzeugt, dass mit einem einem starken Ausbau der Photovoltaik der Ausstieg aus Atom und Kohle machbar ist. Die Energiegewinnung aus Biomasse wird zurückhaltend beurteilt, da sie in Konkurrenz mit der Nahrungsproduktion tritt.

Gibt es vor Ort Widerstände gegen Öko-Kraftwerke?

Ja, neue Windräder, Geothermie-Bohrungen und Biogas-Anlagen rufen immer wieder Proteste hervor. Ein Thema im Landtagswahlkampf war der Fall Atdorf: Bürgerinitiativen, Umweltschützer und der Schwarzwaldverein wehren sich am Hochrhein gegen ein geplantes Pumpspeicherkraftwerk, das mit zwei riesigen künstlichen Seen Energie erzeugen und speichern soll. Sie befürchten, dass dadurch die Natur zerstört und das Landschaftsbild verschandelt wird. Rund eine Milliarde Euro soll bei dem Projekt investiert werden. Die Bauzeit ist mit fünfeinhalb Jahren veranschlagt. dpa

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