Ein Jahr nach dem schlimmen Unwetter in Braunsbach.

Marijan Murat
Baden-Württemberg
Zwanzig nach acht - Als Braunsbach im Schlamm versinkt
  • Lena Müssigmann, Roland Böhm

«Braunsbach war einmal», sagen sie am Tag nach der Flut im Mai 2016, als eine meterhohe Gerölllawine das Dorf bei Schwäbisch Hall zerstört. Ein Besuch ein Jahr danach.

Braunsbach (dpa/lsw) - Auf zwanzig Minuten nach acht stehen die Zeiger der schlammverschmierten Wanduhr. Das Glas ist zerbrochen. Zu dieser Zeit muss sie ins Wasser gefallen sein. Damals, am Abend des 29. Mai vor einem Jahr, als das 900-Einwohner-Dorf Braunsbach nahe Schwäbisch Hall bei einem Unwetter in einer gigantischen Lawine von Schlamm, Geröll und Baumstämmen versinkt. Thomas Hopf-Philipp (41) hat die kaputte Uhr aufbewahrt. Als Erinnerung an die zerstörerische Flutnacht ziert das Fundstück eine Vitrine in seiner wieder aufgebauten und nach elf Monaten wieder eröffneten Gaststätte «Zum Löwen» am Markt. Auch das verbogene Straßenschild «Marktplatz» hat er aufgehoben. «Mit Originaldreck.»

Einer seiner Übernachtungsgäste nimmt damals das Video auf, das das im Schlamm versunkene Dorf an der Kocher bundesweit bekannt macht. Braune Wasser- und Schlammmassen strömen über den Marktplatz, Autos schwimmen vorbei, ein noch blau blinkendes Feuerwehrauto ebenfalls. Baumstämme und Geröll schlagen meterhoch an die Hausfassaden.

Von einem Wunder spricht die evangelische Pfarrerin Ulrike Kern heute beim Gedanken daran, dass in dieser Schlammlawine niemand umkommt. Andernorts ist das anders. In Schwäbisch Gmünd etwa und auch in Niederbayern kommen bei den Frühlingsunwettern 2016 in den Wassermassen mehrere Menschen ums Leben. In Braunsbach bleibt es bei Sachschäden. Unter dem Strich in einer Höhe von 80 bis 100 Millionen Euro, sagt Bürgermeister Frank Harsch (45). Quasi über Nacht wird er zum bundesweit bekannten Katastrophenmanager.

Mehr als 100 Häuser werden beschädigt. Zehn so stark, dass sie abgerissen werden müssen. 128 Autos müssen in den Tagen nach der Flut verschrottet werden. Mit einem gesprühten X werden die markiert, die auf Verschüttete kontrolliert sind.

Aufgeräumt sei der Ort jetzt weitgehend, sagt Bürgermeister Harsch beim Gang über den Marktplatz. Den Dorfmaibaum zieren rot-weiße Baustellenbänder. Ein Hinweis auf den Wiederaufbau? Der Bürgermeister weiß es selbst nicht.

Vor einem Jahr steht er hier in Gummistiefeln im Schlamm. Oben am Markt liegen am Tag nach der Flut die meterhohen Schuttberge, durchsetzt mit Baumstämmen, Steinbrocken, zerquetschten Autos und mitgeschwemmtem Hausrat. Harsch ist übermüdet, sichtlich erschöpft. Die Katastrophennacht erlebt er damals im Rathaus. Zufällig. Nach einer Theaterprobe hat er noch etwas zu erledigen. Es regnet stark. Sehr stark. Gegen 20.30 Uhr schwimmt sein Auto weg, sagt er. «Ich war froh, dass ich hier war.»

Der Wiederaufbau dauere sicher länger. «Ich gehe davon aus, dass wir in drei bis fünf Jahren wieder sowas wie Normalität haben.» Unten an der Kreuzung werden Dachpfannen in Bauschuttcontainer geworfen. Es wird abgerissen. An mehreren Stellen im Ort sind Bauarbeiter zugange. Die Wunden der Flut sind überall zu sehen. Hauswände mit Löchern und Stützbalken, Schutt am Straßenrand, leerstehende Gebäude, geflickte Straßendecken. Am Fenster eines Sanitärgeschäfts kleben Zettel mit der Aufschrift «Ein herzliches Danke für Eure selbstlose Hilfe». Das Geschäft ist noch nicht wieder eingeräumt.

Braunsbach ein Jahr nach der Flut sieht deutlich aufgeräumter aus als damals, hört sich aber kaum anders an. Auch heute rattern Maschinen, Abrissbagger dröhnen, Lastwagen fahren. Dafür hat sich der Geruch geändert: Hier und da weht es einem zwar muffig um die Nase, der Gestank von Benzin und Öl aus leckgeschlagenen Autos ist aber weg.

«Das ist auch ein Konjunkturpaket», betont Harsch auf dem Weg zum Schloss, wo riesige Geröllfänge errichtet worden sind. Metallpfeiler, die Steinblöcke im Fall der Fälle stoppen sollen. Der sonst so friedliche und ins Tal Richtung Kocher plätschernde Schlossbach wird in der Katastrophennacht wie der Orlacher Bach ein Stück weiter zum reißenden Strom. «Ich glaube nicht, dass man sich restlos schützen kann», sagt Harsch.

Rund 10,6 Millionen Euro hat das Land für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt. Derzeit reiche das noch, um arbeiten zu können, sagt der Bürgermeister. Weitere Millionen fließen über das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum und die Städtebauförderung. 1,6 Millionen gingen zudem auf Spendenkonten ein, eine weitere Million an Spenden dürfte direkt geflossen sein, sagt Harsch. 138 Anträge gingen bei der Spendenkommission ein. 950 000 Euro aus dem Topf seien schon ausgezahlt worden.

Und die Versicherungen? Bis auf ein Haus seien alle Gebäude versichert gewesen, sagt der Rathauschef. Anders sehe es beim Hausrat aus, da nicht alle Schutz für sogenannte Elementarschäden hätten.

Thomas Hopf-Philipp unten im «Löwen» spricht nicht über Summen für den elf Monate dauernden und sicher millionenschweren Wiederaufbau der Gaststätte. Zweifel daran habe er aber höchstens am ersten Tag danach gehabt. Am Abend selbst habe er gar nicht mehr gedacht. «Da reagierst du nur, bringst Gäste und Mitarbeiter in Sicherheit.»

15 Gäste seien im Haus gewesen. Der Gasthof wird am nächsten Morgen evakuiert. Am nächsten Tag sieht es anders aus. «Da bricht man innerlich zusammen», erinnert sich Hopf-Philipp, der den Gasthof mit seiner Frau führt. Zu sehen, wie viele Helfer da sind, hilft ihm. Am dritten Tag ist dann der Schreiner da. «Und man hat wieder geplant.»

Von «total viel Hilfe» spricht auch Anita Mögerle (52), Inhaberin des Blumenladens «Sonnenblume». Ihr Garten samt Gewächshäusern wird in der Katastrophennacht vom Orlacher Bach weggerissen. «So will ich nicht leben», sagt sie heute beim Blick hinters Haus. Als die Flut kommt, rettet sie sich ins Obergeschoss. Ein Vierteljahr lebt sie bei ihrer Freundin. Zwar habe sie Ärger mit ihren Versicherungen, sei derzeit «nur am Kämpfen», über Aufgeben habe sie aber nie nachgedacht. Kaum einer sei fortgezogen, sagt Bürgermeister Harsch. Im Gegenteil: «Wir haben dieses Jahr so viele Bauplätze verkauft wie noch nie.» Auch der letzte Gewerbeplatz sei weg.

Genau zu dem Zeitpunkt am Abend, als die Flut vor einem Jahr über Braunsbach gekommen ist, soll es am 29. Mai dieses Jahres einen ökumenischen Gottesdienst geben. Das sei ein Wunsch mehrerer Braunsbacher und der Ortsverwaltung gewesen, sagt Pfarrerin Kern. Sie wird den Gottesdienst mit ihrem katholischen Kollegen halten. «Wir haben viel Grund zur Dankbarkeit.» Für die meisten gehe es weiter und sei seit der Flut aufwärts gegangen. Es gebe aber auch Braunsbacher, denen es nicht so gut gehe. Ganze Familien, die noch immer nicht in ihr Haus zurückkehren könnten.

Sie selbst habe damals daheim in Kupferzell «Tatort» geschaut, erinnert sich die Pfarrerin an die Katastrophennacht. Dann zeigt ihr Sohn auf dem Handy das Video aus dem «Löwen» aus dem Internet. «Ich habe gedacht, das ist ein Scherz.» Nach Braunsbach rein kommt sie am Abend nicht mehr. Die Straßen sind nicht passierbar, sie wird nicht durchgelassen. «Ich dachte: Das ist meine Gemeinde, da muss ich hin.»

Während die Braunsbacher mit dem Aufräumen beschäftigt sind, hat Johannes Kolb (72) aus dem Nachbarort Rückertsbronn die Aufgabe des Chronisten übernommen. Der Hobbyfilmer hat Bilder und Videos der Flut und ihrer Folgen von Privatleuten gesammelt und zu einer einstündigen DVD zusammengeschnitten, die er schon 400 Mal gegen Spende verschenkt hat. Dabei war er kurz nach der Flut selbst vor Ort. Die Kamera hat er aber nicht gezückt. «Ich konnte nicht filmen und fotografieren, wo ich dieses Elend gesehen habe.»