Erster Platz in der Klassenstufe 5 bis 7, Gymnasien: Alper Yildiz vom Kepler-Gymnasium Pforzheim (Klasse 7) über einen Urlaubsauftakt, der zum Horror wird.
Mein Name ist Alper. Jedes Jahr ist es das Gleiche: Mein Vater poliert den Wagen, meine Mutter packt Vorräte ein, als würden wir eine Weltreise machen, und wir machen uns auf den Weg in die Türkei. 2500 Kilometer Asphalt liegen vor uns. Eigentlich ist es eine schöne Zeit, wir hören Musik, essen unterwegs und freuen uns auf die Verwandten. Doch dieses Jahr sollte alles anders werden. Dieses Jahr wurde die Fahrt zu einem Albtraum, den ich nie vergessen werde.
Nachdem wir Deutschland, Österreich und Ungarn hinter uns gelassen hatten, erreichten wir Serbien. Die Stimmung war noch gut, wir lachten über die alten Geschichten von früher. Doch als wir die Grenze nach Bulgarien überquerten, änderte sich die Atmosphäre. Es war nach Mitternacht. Die Straßen in Bulgarien sind tückisch — sie sind dunkel, oft eng, und der Asphalt ist an vielen Stellen aufgebrochen. Mein Vater war seit Stunden wach, seine Augen waren rot von der Anstrengung, aber er wollte es unbedingt durchziehen. „Wir machen in der Türkei Pause“, sagte er immer wieder.
Die Sekunden des Schreckens: Gegen drei Uhr morgens passierte es. Wir fuhren auf einer kurvigen Landstraße, links und rechts war nur dunkler Wald. Sibel schlief neben mir, und meine Mutter war auch weggenickt. Plötzlich hörten wir ein markerschütterndes Quietschen von Reifen. Ein Geräusch, das durch Mark und Bein geht. „Was ist das?!“, schrie meine Mutter auf und war sofort hellwach. Mein Vater trat voll in die Eisen. Die Reifen unseres Wagens blockierten, und wir rutschten über den Asphalt. Vor uns tauchten plötzlich riesige, helle Lichter auf, die völlig schräg auf der Fahrbahn standen. Ein massiver Lastwagen war in einer engen Kurve ins Schleudern geraten. Er war umgekippt und lag wie ein totes Ungetüm quer über beide Fahrspuren. Aber das war noch nicht alles. Ein schwarzer Kleinwagen direkt vor uns konnte nicht mehr ausweichen. Mit voller Wucht raste er unter den Anhänger des LKW. Es gab einen Knall, der so laut war, dass mir die Ohren wehtaten. Glas splitterte, Metall verbog sich mit einem kreischenden Geräusch, und dann war es für eine Sekunde totenstill. Nur das Zischen von heißem Dampf war zu hören.
„Bleibt im Auto!“, rief mein Vater, aber er selbst sprang sofort raus. Ich konnte nicht anders und rannte ihm hinterher. Der Kampf am Unfallort: Draußen roch es extrem stark nach Benzin und verbranntem Gummi. Überall auf der Straße lagen Trümmer: Eine Stoßstange, ein Kinderschuh, Glasscherben, die im Mondlicht glänzten. Der schwarze Wagen war fast bis zur Hälfte unter dem LKW begraben. Das Dach war komplett eingedrückt. Mein Vater rannte zum Fahrerfenster des Autos. „Hilf mir, Alper!“, schrie er. Ich sah in das Auto und mein Herz blieb fast stehen. Ein junger Mann saß am Steuer, sein Gesicht war voller Blut, und er war eingeklemmt. Er bewegte sich nicht. Auf dem Beifahrersitz saß eine Frau, die völlig unter Schock stand und nur ganz leise wimmerte. Plötzlich sah ich eine Flamme. Unter dem Motorraum des Kleinwagens fing es an zu brennen. Ein kleines, gelbes Feuer, das sich hungrig Richtung Benzintank fraß. „Das Auto wird brennen! Wir müssen sie rausholen!“, schrie ich.
In diesem Moment kam Panik in mir hoch, aber mein Vater blieb eiskalt. Er riss mit einer Kraft, die ich ihm nie zugetraut hätte, an der verklemmten Beifahrertür. Mit einem lauten Knacken gab das Metall nach. Er zog die Frau heraus, die völlig weggetreten war. Dann kümmerten wir uns um den Fahrer. Die Fahrertür war völlig zerstört. Wir mussten durch das Fenster greifen. „Wach auf, Bruder! Wach auf!“, schrie mein Vater auf Türkisch und Deutsch durcheinander. Der Mann schlug die Augen auf und stöhnte vor Schmerz. Seine Beine waren unter dem Armaturenbrett eingeklemmt. Das Feuer wurde größer. Die Hitze war jetzt im Gesicht spürbar. Andere Autofahrer hielten nun auch an, einige suchten panisch nach Feuerlöschern. Gemeinsam mit zwei anderen Männern zerrten wir an dem eingeklemmten Fahrer. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, aber es waren wahrscheinlich nur Sekunden. Mit einem letzten, verzweifelten Ruck bekamen wir ihn frei und schleiften ihn mehrere Meter weit weg vom Wrack. Kaum waren wir zehn Meter entfernt, gab es ein dumpfes Poff-Geräusch, und der schwarze Wagen ging komplett in Flammen auf. Eine riesige Feuerwalze schoss in den Nachthimmel.
Wir lagen alle auf dem Asphalt, keuchend, das Gesicht schwarz vor Ruß. Die Stille nach dem Sturm: Die Polizei und die Krankenwagen trafen erst zwanzig Minuten später ein. Es fühlte sich an wie Stunden. Wir saßen am Straßenrand, meine Mutter hatte der verletzten Frau eine Decke umgelegt und hielt sie fest umschlungen. Mein Vater saß einfach nur da und starrte in die Flammen. Seine Hände zitterten jetzt erst richtig. Ich sah mich um. Die bulgarische Dunkelheit war jetzt von den grellen Lichtern der Feuerwehr hell erleuchtet. Ich realisierte erst jetzt, dass wir gerade Menschenleben gerettet hatten. Nur ein paar Sekunden später, und sie wären in diesem Auto verbrannt.
Ein bulgarischer Polizist kam zu uns. Er legte meinem Vater die Hand auf die Schulter und sagte etwas, das wir nicht verstanden, aber sein Blick sagte alles: „Danke.“ Die letzte Etappe: Wir durften erst gegen Morgen weiterfahren, als die Straße geräumt war. Niemand im Auto sagte ein Wort. Die Musik blieb aus. Wir starrten alle nur aus dem Fenster und sahen zu, wie die Sonne über den bulgarischen Hügeln aufging. Die Schönheit der Landschaft passte so gar nicht zu dem Horror, den wir gerade erlebt hatten. Als wir die Grenze zur Türkei erreichten, war es anders als sonst. Normalerweise jubeln wir immer, wenn wir das Schild „Türkiye“ sehen. Diesmal hielten wir einfach kurz an, stiegen aus und atmeten tief die warme Luft ein. Mein Vater nahm mich in den Arm. „Wir haben Glück gehabt, Alper. Das Leben ist ein Geschenk“, sagte er leise. Die restliche Fahrt nach Istanbul war ruhig. Als wir endlich bei meiner Oma ankamen und sie uns die Tür öffnete, flossen bei meiner Mutter die Tränen. Wir erzählten die ganze Geschichte beim Tee im Garten. Meine Oma küsste uns alle auf die Stirn und sagte, dass Allah uns beschützt hat, weil wir geholfen haben. Ich werde diese Fahrt nie vergessen. Ich bin als Junge losgefahren und in dieser Nacht in Bulgarien ein Stück weit zum Mann geworden.

