Clara Schott hat am Schreibwettbewerb teilgenommen.
Olga Zimina/PZ
In eigener Sache
Clara Schott: "Wir haben doch alle vor dem gleichen Angst"

Dritter Preis in der Klassenstufe 8 bis 10, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen: Clara Schott von der Verbandsschule im Biet Neuhausen (Klasse 9) über Freundschaft und Zukunftssorgen.​

Ich liege im großen Bett meiner Eltern und bin einfach nur da. Ich fühle den weichen Kissenbezug unter mir. Der Geruch von frischer Wäsche und Zuhause umhüllt mich. Ich liege einfach nur da und denke nach und mir kommt ein Gedanke: Was wäre, wenn dieser Geruch nicht mehr da wäre, wenn mir jemand all das wegnehmen würde und niemand etwas tun würde.

Ja, vielleicht haben die Menschen, bei denen ich mir so sicher war, ich könnte ihnen vertrauen, sogar mitgeholfen. Ich stehe auf, weg von dem Geruch, der nach all der Zeit in diesem Haus zu meinem Liebsten geworden war. Immer noch schweigend setze ich mich an meinen Schreibtisch und klappe meinen Laptop auf. Mit dem Mauszeiger klicke ich auf das entsprechende Symbol, erstelle ein neues Dokument und beginne zu schreiben: Stell dir vor, dein liebster Geruch ist der von deinem Zuhause und frischer Wäsche. Es geht dir gut, und dein Name ist der deiner Meinung nach wunderschönste auf der ganzen Welt, Yasmin. Du gehst zur Schule und bald stehen deine Realschulprüfungen an. Danach hast du vor, an ein Gymnasium zu gehen und dort dein Abitur zu machen. Danach möchtest du unbedingt Medizin studieren, um Menschen zu helfen. Du hast einen Freund, der dir jeden Morgen, wenn ihr euch vor der Schule seht, einen Kuss auf die Stirn gibt. Und natürlich hast du auch Freunde. Und deine allerbeste Freundin, nennen wir sie jetzt mal Elenor, ist die Person, der du alles erzählen kannst und für die du alles tun würdest.

Ihr habt schon über alles geredet. Naja, über fast alles, denn eines Tages seid ihr mal wieder bei dir zu Hause, ihr sitzt auf deinem Bett und redet und auf einmal fragt Elenor: „Weißt du eigentlich schon, welche Partei du wählen möchtest, wenn du 18 bist?“. Mit so einer Frage hast du nicht gerechnet; um ehrlich zu sein, hast du dir noch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Du hast schon vorher ein paar Namen von Parteien bei den Gesprächen deiner Eltern aufschnappen können, aber wirklich damit beschäftigt hast du dich noch nie. Und das sagst du ihr auch. Sie zuckt nur mit den Schultern und erzählt, dass sie sich auch noch nicht sicher ist, aber ihre Top Drei stehen schon fest und auf der Nummer Eins ist eine Partei, von der du nur ein paarmal in den Sozialen Medien gehört hast. Aber wirklich was Genaues weißt du über die Partei nicht.

Später am Abend fährt deine Freundin nach Hause. Im Nachbarzimmer bringt deine Mutter deine kleine Schwester Nasim ins Bett. Ihren Namen findest du am noch wunderschönsten. Du liegst in deinem Bett und du schaust dir die Internetseite dieser Partei, die deine Freundin vorhin erwähnt hat, genauer an. Du liest und liest und dir wird klar, dass diese Partei mehr schlechte als gute Punkte hat. Und sie möchte, dass „Remigration“ stattfindet. Du weißt nicht, was das bedeutet, also liest du dir den Wikipedia-Eintrag durch und dir wird immer mehr klar, dass deine beste Freundin, von der du dachtest, du könntest ihr vertrauen, überlegt, eine Partei zu wählen, die dich nicht hier haben will. Sie sieht dich und deine Familie als nicht dazugehörig an. Dich und deine kleine Schwester, ihr seid beide hier geboren, wollen sie nicht hier haben.

In der Woche darauf berichtet deine Freundin dir, dass sie sich entschieden hat, was sie wählt. Du hoffst, dass es nicht die Partei ist, die dich nicht hier haben will, doch dann fällt ihr Name und dein Herz zerbricht. Du denkst: Wieso? Wieso? Ist Elenor denn nicht klar, was es bedeuten würde, wenn diese Partei gewinnen würde? Ich müsste weg, zurück in ein Land, in dem eine Sprache gesprochen wird, die ich nur wenig verstehe, ein Land mit einer Kultur, mit der ich mich nicht auskenne, ein Land, welches ich noch nie in echt gesehen habe. Und das nur, weil meine „Gene“ aus diesem Land stammen. Du sagst nichts, du bist einfach nur sprachlos, verletzt. Ja, du bist verletzt, an einem Punkt, an dem dir nicht klar war, dass er überhaupt da ist. Du beginnst, zaghaft zu reden: „Müsste ich dann nicht weg?“ Elenor schaute dich an, damit hatte sie nicht gerechnet. „Nein, ich glaube nicht, du bist doch hier geboren“, winkte sie ab. Doch du weißt, dass das nicht stimmt, du hast dir Dokumentationen, Interviews und Reportagen angeschaut und unzählige Artikel durchgelesen. Du weißt, was es bedeuten würde, wenn diese Partei gewinnt.

Ich schrecke auf, ich muss am Computer wohl eingeschlafen sein. Die Sonnenstrahlen kitzeln mich an der Nase. Und in diesem Moment wird mir klar, die größte Angst, die wir doch alle haben, ist, das zu verlieren, was wir haben und das alle nur zusehen und nichts tun. Und das vielleicht sogar die Menschen, denen wir am meisten vertrauen, bewusst mithelfen. Bitte wacht auf! Ich glaube, ihr wisst alle, welche Partei ich gemeint habe, und ihr wisst alle, dass ihr es genauso schlimm fändet, wenn ihr alles verlieren würdet, ohne dass jemand etwas tut und das nur, weil deine Mitmenschen, die Menschen, denen du vertraut hast, mitgeholfen haben.