Zweiter Platz in der Klassenstufe 8 bis 13, Gymnasien: Emily Kelsch von der Käthe-Kollwitz-Schule Bruchsal (Klasse 11) über eine Pause.
Ich steige in den Zug und zwinge mich, nicht zurückzublicken, obwohl ein Teil von mir genau das will. Weggehen war irgendwie schon immer mein Bewältigungsmechanismus. Die Niederlande sind kein Ziel, sondern eine Pause, rede ich mir ein, ein zeitlich begrenzter Ort, an dem ich kurz verschwinden darf, ohne etwas entscheiden zu müssen. Um runterzukommen von dem Alltag. Wieder mein altes, ruhiges Ich finden, sofern dieses noch existiert, denke ich mir.
Das Rückfahrtticket liegt in meinem Rucksack, glattgestrichen, fast beruhigend, als könnte Papier mir garantieren, dass alles unter Kontrolle bleibt. So wie es doch eigentlich sein sollte. Der Zug hält an: „Letzte Haltestelle Zandvoort“. Ich greife zu meinem Koffer und schleppe mich zur Tür. Ich nehme ein kurzes Piepen wahr und steige aus. Der Wind schlägt mir entgegen, salzig und kalt. Und plötzlich ist da keine Eile mehr. Noch vor wenigen Stunden war ich gefangen zwischen Terminen, Erwartungen und dem ständigen Gefühl, hinter etwas herzurennen, das ich nie ganz erreiche. Mein Alltag war laut gewesen, fordernd, voller Stimmen und Verpflichtungen. Und trotz all der Menschen darin fühlte ich mich seltsam allein. Hier dagegen breitet sich etwas anderes aus: kein Drängen, kein Müssen. Nur Luft, die nach Meer riecht, und Weite. Ich gehe los, laufe durch fremde Straßen und merke, wie ich langsamer werde. Nicht aus Erschöpfung, sondern weil niemand hinter mir her ist. Es fühlt sich so leicht und unbeschwert an. Ich laufe noch zwei Straßen weiter und sehe schon das Meer. Es liegt ruhig da, als hätte es es nie eilig gehabt. Die Wellen kommen und gehen in einem gleichmäßigen Rhythmus. Ich setze mich auf eine Bank und erst da, nach einigen Minuten, nehme ich die brüllenden Motoren vom Circuit in Zandvoort wahr.
Neugierig folge ich dem Geräusch, zuerst sind sie nur ein fernes Brummen, fast wie Wind in der Ferne, dann werden sie deutlicher, schärfer, bis man die Vibration beinahe im Körper spürt. Dieses Geräusch ist geprägt von Geschwindigkeit, von Spannung, von dem permanenten Druck, nicht langsamer zu werden. Alles dort draußen ist auf Bewegung ausgelegt, auf Runden, die sich wiederholen, ohne je wirklich stillzustehen. Die Geräusche lassen mich nicht los, weil sie sich vertraut anfühlen. Mein eigenes Leben war lange genauso, realisiere ich in diesem Moment. Immer in Bewegung, immer mit dem Gefühl, weiter zu müssen, schneller zu sein als die Gedanken, die sonst hochkommen. Anhalten bedeutet nachdenken, und Nachdenken bedeutet fühlen. Also bin ich gerannt, von einem Ziel zum nächsten, von einer Entscheidung zur nächsten, ohne mir überhaupt Zeit zu lassen, anzukommen. Erst jetzt, in diesem ruhigen Moment zwischen zwei Motorgeräuschen, merke ich, wie erschöpfend dieses Tempo war. Wie sehr ich mich daran gewöhnt habe, Druck mit Sinn zu verwechseln und Geschwindigkeit mit Richtung. Während draußen auf der Strecke Runde um Runde gefahren wird, stehe ich hier und frage mich zum wiederholten Mal, was passiert, wenn man nicht sofort wieder Gas gibt. Wenn man kurz in der Box bleibt, obwohl die Welt draußen weiterrauscht.
Am nächsten Morgen entscheide ich mich für ein kleines Frühstück im Café, ich setze mich ans Fenster und schaue dem Regen zu, als plötzlich eine Stimme neben mir erklingt, „Bist du im Urlaub hier?“. Ich sehe auf. Eine junge Frau steht neben meinem Tisch, ein Notizbuch unter dem Arm. „Nur kurz“, entgegne ich ihr mit einem skeptischen Blick. „Dachte ich mir schon. Ich bin Jana, ich studiere hier.“ „Ach so, ich bin Alexandra.“ Sie lächelt freundlich, nicht neugierig, eher offen. „Schön dich kennenzulernen. Vielleicht sieht man sich ja nochmal.“ Und ehe ich meine Lippen zu einem „ja, vielleicht“ formen konnte, war sie schon aus der Tür gegangen.
In den nächsten Tagen begegnen wir uns immer wieder, an verschiedenen Orten, und jedes Mal entwickelt sich ein Gespräch, das sich natürlich anfühlt. Wir reden über Arbeit, Müdigkeit und das ständige Gefühl, funktionieren zu müssen. Eines Tages sagt sie nachdenklich, während sie auf ihre Kaffeetasse blickt: „Manchmal verwechseln wir Stillstand mit Scheitern. Dabei ist eine Pause nichts, was uns zurückwirft. Sie ist der einzige Moment, in dem wir überhaupt merken können, wohin wir wirklich wollen.“ Dieser Satz begleitet mich, während ich alleine durch die Dünen laufe und dem Meer zusehe, das kommt und geht, ohne sich zu rechtfertigen. Zum ersten Mal erlaube ich mir, nicht produktiv, nicht stark, nicht entschieden sein zu müssen.
Am letzten Abend vor meiner Abreise sitzen wir am Strand, eingehüllt in Jacken, und beobachten, wie der Himmel dunkler wird. „Bleibst du noch?“, fragt Jana freundlich, ohne Erwartung. „Nein“, antworte ich nach einem Moment, „aber ich fahre nicht mehr weg, um zu fliehen.“ Sie nickt nur, als hätte sie genau das gemeint. Kein großes Abschiedswort, kein Versprechen, nur dieses stille Verständnis zwischen zwei Menschen, die sich zur richtigen Zeit begegnet sind.
Im Zug zurück ist es ruhig. Fast leer. Kein hektisches Tippen, kein lautes Telefonieren. Nur das gleichmäßige, beruhigende Rattern der Räder auf den Schienen. Anders als auf der Hinfahrt spüre ich kein Ziehen in der Brust, keinen Drang, irgendwo anders sein zu müssen. Die Bewegung fühlt sich diesmal nicht wie Flucht an, sondern wie Heimkehren. Die Landschaft zieht vorbei, weit und still, und ich merke, wie sich auch in mir etwas geordnet hat. Keine drängenden Gedanken, kein inneres Rennen. Nur ein ruhiger Strom von Überlegungen, der kommen und gehen darf, wie das Meer.
Ich steige bei meiner Haltestelle aus, atme tief ein und gehe los. Nicht schneller, nicht langsamer, sondern in meinem eigenen Tempo. Die Niederlande war kein Zuhause, sondern ein Spiegel. Und ich nehme ihn mit. Ruhe ist kein Rückschritt, sondern Raum zum Atmen. Zum ersten Mal seit Langem fühlt sich alles machbar, ruhig und klar an. Die Ruhe gehört jetzt mir, und damit alles, was noch kommt.

