Pforzheim. „Frauengesundheit darf kein Nischenthema mehr sein“, schreibt die Gynäkologin Judith Bildau in ihrem Buch „Body in Balance“. Dass es mehr als die Hälfte der Bevölkerung auch satt hat, seit Jahrhunderten in der Medizin benachteiligt zu werden, zeigte sich am Mittwochabend im PZ-Autorenforum. Die Fachärztin, mit eigener Praxis in Rom, schilderte den Frauen im ausverkauften Raum – in dem auch drei Männer waren –, wie sie ihre Hormone verstehen und unerklärliche Beschwerden loswerden können. Für Bildau seien es eher Beschwerden, die „auf unerklärliche Weise immer noch nicht mit Hormonen in Verbindung gebracht werden“.
Benachteiligung in der Medizin
Die Botschaft von Bildau wird klar, wenn sie aus der Einleitung ihres Buches vorliest: Frauen finden in der Medizin nicht ausreichend Beachtung. Über Wochenbettdepressionen, PMS (Prämenstruelles Syndrom) und die Wechseljahre würde viel zu wenig gesprochen. Der Mann gelte immer noch als der medizinische Standard. Als die Ärztin die Folgen dessen aufzählt, etwa dass Herzinfarkte bei Frauen öfter übersehen werden, oder dass der Frauenanteil in pharmakologischen Studien erst seit 2022 geregelt ist, wird die Empörung im Publikum spürbar. „Als ich das geschrieben habe, ist es mir kalt den Rücken hinunter gelaufen“, meinte die Frauenärztin, die deshalb mit einer Mission kam: Den Frauen Appelle zu machen. Zum Beispiel: Wissen ist Macht. Frauen sollten sich untereinander vernetzen und austauschen. Beim Arzt sollten sie medizinische Fachbegriffe verwenden – zum Beispiel medizinische Begriffe für hormonelle Lebensphasen wie die Prämeno- oder Perimenopause. „Wenn man beim Arzt die genauen Begriffe kennt, wird man ernster genommen“, weiß die Gynäkologin. Spannend wird es, als es um die emotionalen Aspekte von Östrogen und Progesteron geht. An diesem Abend geht keine Frau nach Hause, ohne zu wissen, dass man eine Gehaltsverhandlung immer in Richtung Eisprung planen sollte. Klingt nach einem Witz, ist aber eine wichtige Erkenntnis. Denn wenn das Östrogen steigt, hätten Frauen mehr Energie, seien konfliktbereiter und können sich besser durchsetzen, so Bildau.
Das Chaos der Wechseljahre
Als die Gynäkologin ein Kurvendiagramm der Hormone während der Wechseljahre zeigt, erntet sie Lachen im Publikum. Die frühere Vorstellung von Hormonen, die langsam abklingen, stimmt nicht mit der Realität überein, welche ein wildes Durcheinander ist. Kreuz und quer verlaufen die Kurven und bilden zusammen ein reines Chaos. „Die Eierstöcke tanzen Samba“, so die Frauenexpertin.
Mit einer Umfrage zeigte Bildau dann, woran Betroffene in dieser Zeit am meisten leiden. Fälschlicherweise werde gedacht, es seien die Hitzewallungen. Tatsächlich landen diese auf Platz fünf. Das schlimmste Symptom seien die Schlafstörungen – es gibt Zustimmung aus dem Publikum – gefolgt von psychischen Belastungen, Gewichtszunahme und kognitiven Symptomen wie Brainfog (Vergesslichkeit)Symptome wie Kreislaufprobleme, Schwindel, Kopfschmerzen, Tinnitus, trockene Augen, Herzrasen oder brennende Schleimhäute werden laut der medizinischen Influencerin oft nicht mit den Hormonen in Verbindung gebracht. Auf Kosten der Leidenden, denn diese Probleme seien behandelbar, sagt die Ärztin.
Austausch im „Safe Space“
Die Veranstaltung solle laut der Frauenexpertin ein „Safe Space“ und Raum des Austausches sein, welchen die Zuschauerinnen dankend annahmen. Eigene Leidensgeschichten und persönliche Fragen fanden hier ihren Platz. Eine Frau, die sich in der Postmenopause befindet, sage ihr gehe es gut und fragte, ob es nicht reicht, einfach etwas auf sich zu achten. Nichts einzunehmen, damit tue sich Bildau schwer. Osteoporose werde immer erst sehr spät entdeckt. Dabei könne man mit wenig viel erreichen – wie mit der Einnahme von Calcium.
Bildau betonte, dass Frauen mit ungefähr 45 Jahren in die Wechseljahre kommen und ungefähr 83 Jahre alt werden. Ihnen fehle also die Hälfte ihres Lebens die schützende Wirkung der Sexualhormone.
Die Frauenärztin gab den Zuschauerinnen viel Wissen, Kraft und bestimmt auch Hoffnung mit – darauf, dass Frauengesundheit künftig endlich aus der Nische rückt, wenn engagierte Ärztinnen wie Judith Bildau sich leidenschaftlich dafür einsetzen.



