Dritter Platz in der Klassenstufe 5 bis 7, Gymnasien: Hannah Nahrendorf vom Hilda-Gymnasium Pforzheim (Klasse 5) über einen heldenhaften Flamingo.
Stopp! Aufhören! Sofort! Ich platze... meine rosa Haut spannte inzwischen so sehr, dass ich Angst bekam. Plötzlich zischte es, und mein zweites Ventil im unteren Reifen wurde mit einem Ruck zugedrückt. Puuuh ... gerade nochmal gut gegangen. Ich spürte allerdings, dass der Ventilstöpsel nicht komplett drin war. Trotzdem sah ich stolz an mir herunter. Meine kleinen rosa Flügel und mein langer Hals standen aufrecht und prall gefüllt in der heißen Sonne Italiens. Wie ich mich auf diesen ersten Sommer mit meiner kleinen Freundin Jana freute. Sie bekam mich zu ihrem fünften Geburtstag. Das kleine Mädchen mit den lustigen Zöpfen konnte noch nicht schwimmen. Kurz vor dem gemeinsamen Urlaub auf dem größten Campingplatz Italiens, wickelte sie mich aus der engen Verpackung. Sie schrie vor Begeisterung: Ein rosa Flamingoreifen! Wie schön! Er wird im Urlaub auf mich aufpassen. Mit ihm kann ich im Meer nicht untergehen. Mit einem Ruck wurde ich aus dem heißen Sand gehoben. Ich spürte eine kleine knochige Schulter. Jana hängte mich kopfüber an sich und marschierte durch den feinen Sand zum türkisblauen Meer. Ihre Eltern waren in ihren Liegestühlen am Strand eingeschlafen.
Am Meer angekommen warf sie mich mit großem Schwung in das kühle Wasser. Tat das gut bei der Hitze! Die Wellen spritzen über mich, überall roch es nach Salz und Sonnencreme. Kinder kreischten und strampelten mit ihren Eltern im flachen Wasser, und ich war mittendrin. Der Beschützer meines kleinen Mädchens! Konnte Urlaub schöner sein? Mit einem riesigen Satz sprang Jana geradewegs zwischen meine kleinen gummiartigen Flügel. Ihr kleiner Körper passte genau in meinen Reifen. Zu zweit schaukelten wir mit den Wellen immer weiter aufs offene Meer hinaus. Was für eine tolle Erfrischung bei über 30 Grad. Herrlich! Dabei bemerkten wir allerdings nicht, wie das Wasser um uns immer tiefer und dunkler wurde. „Zschschsch“ machte es auf einmal und kleine Bläschen stiegen hoch. „Was war das?“ schoss es mir durch den Kopf. Ich drehte meinen schlanken Hals, um zu sehen was passiert war. „Pfff“ „Zisch“, die Geräusche wurden immer lauter. Irgendwas stimmte hier nicht. „Schnell Jana! Wir müssen zurück!“, dachte ich. Doch das braungebrannte Mädchen lag entspannt auf mir. Sie genoss die Sonne und die schaukelnden Wellen von Bella ltalia.
Irgendwie fühlte ich mich immer leerer. Prall und rund, wie ich gerade noch war, so spürte ich jetzt die faltige und schlaffe Haut an meinem Schwimmring. Panisch schaute ich zum Strand hinüber. „Wir waren einfach zu weit weg!“ „Jaaanaaaa“, dachte ich, wir müssen umkehren! „Jetzt“! „Sofort“! Ihr kleiner dünner Körper mit dem bunten Badeanzug hing bereits zur Hälfte im Wasser. „Du wirst untergehen und ertrinken.“ Nein! Jana merkte, dass sie keinen Boden mehr unter sich hatte.
Das Mädchen fing ängstlich an zu zappeln. Ihre kleinen Füße boxten mich in meine inzwischen schlaffe Gummihülle. Sie schrie immer lauter und lauter. Vergeblich. Keiner hörte sie. Die Wellen und die Badegäste waren einfach zu laut. Ich fühlte mich inzwischen sooo leer und schwach. Meine Gedanken gingen im Kreis. „Jana, du darfst nicht ertrinken! Was soll ich nur tun. Ich war doch ihr großer Beschützer. Das war doch meine Aufgabe! Und jetzt würde ich versagen. Ich konnte mich nicht mehr auf meinen Körper verlassen. Es ist so einfach, jemanden zu beschützen, wenn man groß und stark ist! Aber was ist, wenn man klein und schwach ist? Wer kann denn dann noch helfen?
Inzwischen wusste ich, dass die vielen Blubberblasen von dem Ventil kamen, das nicht richtig zugedrückt wurde. Es musste aufgegangen sein. Das Wasser spritzte mittlerweile durch die immer hektischeren Bewegungen von Janas Füßen hoch bis an meinen schlanken Hals. Gerade war es doch noch kühl und erfrischend! Plötzlich kam mir der rettende Gedanke. Ich habe doch zwei Luftkammern. Mein Nacken war noch immer prall und mit Luft gefüllt. Das war es! Vorsichtig schob ich Stück für Stück meinen langen Hals um ihre schmalen Hüften. Sie traute sich erst nicht, meinen Ring loszulassen. Doch dann spürte ich ihre kleinen Ärmchen um meinen rosa Nacken. Sie wäre sonst immer weiter in die Tiefe gesunken. Mit aller Kraft, die ich noch hatte, und meinem noch stärkeren Willen, zog ich meine kleine Jana Stück für Stück zum rettenden Strandufer. „Los!“ feuerte ich mich selbst an! Das schaffst du! Der Wind hatte zu unserem Glück gedreht. Er blies uns jetzt in Richtung dem Ufer zu. So konnte ich es schaffen. Und wirklich, nach langem Gepaddel kamen wir völlig erschöpft und erledigt zum Ziel.
Ich bin so stolz auf mich! Auch wenn ich kein prallgefüllter Flamingo mehr war, schaffte ich es auch in meinem schwächsten Moment! Was für ein wunderbares Gefühl. Allein der Glaube an mich konnte meine kleine Menschenfreundin retten. Am Strand angekommen waren die Eltern inzwischen aufgewacht. Jana erzählte ihnen, wie sie mich aufgeblasen und mit mir ins Meer gegangen war. Sie erinnerte sich, dass sie zu schwach war, mein Ventil richtig zuzudrücken. Sie erzählte, wie ich sie trotz meines schlaffen Körpers an Land gezogen hatte. Die Erleichterung war groß. Jana und ich wurden seitdem noch unzertrennlicher. Zusammen mit ihren Eltern schaukelten wir noch viele Male auf den großen Wellen im Meer Italiens. Natürlich mit einem zusätzlichen Sicherheitsventil und einer Schwimmweste für Jana. Wie schön kann Urlaub sein, wenn man das Gefühl hat, alles schaffen zu können, wenn man es nur will. Glaube immer an dich.

