Dritter Platz in der Klassenstufe 8 bis 13, Gymnasien: Julia Bossert vom Theodor-Heuss-Gymnasium Mühlacker (Klasse 8) über einen geplanten Mord.
Mit einem zufriedenen, leicht arroganten Lächeln auf den Lippen, drehte sich der Millionär Oliver von Hohenfelsen erst links, dann rechts herum vor dem glänzenden Ganzkörperspiegel. Heute trug er einen blauen Designeranzug, der sich perfekt mit dem neuen Haarschnitt abstimmte. Er zwinkerte sich selbst zu und schlenderte dann zur Garderobe, wo er sich Mantel und Lackschuhe überstreifte. An diesem kühlen Januarmorgen fröstelte es ihn, als er zur Haustüre seiner riesigen Villa herausschritt. Mit dem Wissen, dass sich hier alles in seinem Eigentum befand, ließ er den Blick über die kurzgeschnittenen grünen Rasenflächen, die gewundenen Kiespfade und marmornen Springbrunnen streifen. Die Steinchen knirschten unter seinen Schuhsohlen, als er vor einem lavaroten, schicken Sportwagen stehenblieb, einstieg und langsam von der Auffahrt hinunter in Richtung der Kleinstadt rollte.
Mit einem leisen, kaum vernehmbaren Klingeln öffnete sich die Ladentür der Bäckerei Jung und herein spazierte ein schlanker hochgewachsener Mann in Anzug und Mantel. „Guten Morgen, Herr von Hohenfelsen. Was kann ich heute für Sie tun?“, zwitscherte die freundliche Verkäuferin über die Ladentheke hinweg. „Das Übliche“, antwortete Oliver knapp und besah sich die Anzeigen in der Tageszeitung auf dem Tresen. „In Erinnerung an Oliver von Hohenfelsen“ lautete die erste Traueranzeige. Der 42-Jährige zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte unmerkbar der Kopf. Sein Vater, mit dem gleichen Namen wie er, war doch schon lange tot. „Hier bitte“, unterbrach die Verkäuferin seine Gedanken und streckte ihm die Bäckertüte hin, „zwei Buttercroissants und eine Sesamstange. Außerdem habe ich noch unsere Neujahrsaktion dazugelegt.“
Nachdem der Mann bezahlt und den Laden verlassen hatte, schob er sich ein zweites Mal an diesem Tag in sein Auto und fuhr zurück zu seinem Heim. Schallend lachte Oliver auf, als er den Inhalt der Tüte erblickte. Die Bäckereiverkäuferin hatte ihm doch tatsächlich einen Glückskeks eingepackt. Er legte ihn wieder zur Seite und verschlang erst einmal sein Frühstück. Danach war der Hunger zwar gestillt, aber doch fragte er sich nun, welche kindliche Glücksbotschaft wohl im Gebäck stecken mochte. Er rang noch kurz mit sich, denn eigentlich hielt er rein gar nichts von Wahrsagesprüchen oder unwissenschaftlichen Behauptungen. Aber schließlich nahm er den Keks doch in die Hand und zog mit zwei Fingern kräftig an den Kanten, sodass nun zwei haselnussbraune Teile vor ihm lagen. Den Zettel musste er weder wenden, noch aufklappen. Er lag bereits geöffnet vor ihm. Und dieser „kindliche Wahrsagespruch“ ließ das selbstgefällige Grinsen sofort aus dem nun leichenblassen Gesicht des Millionärs verschwinden. Er brachte keinen Ton mehr aus seiner Kehle heraus. Denn dort vor ihm, mit schwarzer Tinte geschrieben, stand: „Dir bleiben nur noch drei Tage. Du kannst dich nicht verstecken, ich sehe dich.“
Am nächsten Morgen schlich Oliver mit wackeligen Knien durch die Flure. Den ganzen letzten Tag hatte er seine Villa abgeschottet: Das Tor zum Grundstück, die Türen zur Villa und Fensterläden abgeschlossen, den teuren Sportwagen sorgfältig in der Garage geparkt, statt ihn wie sonst protzig auf der Einfahrt stehenzulassen und allen Angestellten wie Gärtnern, Putzkräften und Köchen abgesagt. Er wollte kein Risiko eingehen. Nicht jetzt, wo er sich augenscheinlich in Lebensgefahr befand. Trotzdem stellten sich ihm Fragen, die ihm wohl niemand außer der Mörder selbst beantworten könnte. Warum ließ er ihm drei Tage und brachte ihn nicht direkt um? Und hatte er etwas mit der Traueranzeige zu tun, die er gestern gesehen hatte? War diese doch für ihn bestimmt, und nicht für seinen Vater?
Er seufzte tief auf und schlurfte kraftlos in sein Wohnzimmer. Dort griff er zögernd nach dem Telefon auf der Kommode aus amerikanischem Mammutbaumholz. Wie ein nasser Sack ließ er sich auf seine Ledercouch fallen und tippte, so leise es ihm möglich war, die Telefonnummer der Bäckerei Jung ein. Es tutete ein paarmal, dann meldete sich eine vertraute Frauenstimme. Es war zweifelsohne die Verkäuferin von gestern. „Guten Tag, Herr von Hohenfelsen. Sie waren um 7 Uhr ja gar nicht in der Filiale. Ist Ihnen etwas zugestoßen?“, fragte sie sorgenvoll nach. Oliver lächelte mild. „Ja, ich habe eine Morddrohung erhalten und kann die zwei Tage bis zu meinem Tod an einer Hand abzählen“, hätte er gerne geantwortet. Aber er war sich nicht sicher, ob er ihr trauen konnte. Er vertraute nun keinem mehr. „Nein. Es ist alles prima. Es scheint nur so, als habe ich mir eine üble Erkältung eingefangen. Deshalb werden Sie mich die nächsten Tage wohl nicht zu Gesicht bekommen“, sagte er stattdessen, „Ich wollte mich aber noch einmal wegen der Glückskekse erkundigen. Woher stammen denn die Botschaften?“ Die Frau überlegte einen Moment. Dann meinte sie immer noch nachdenklich: „Die netten kleinen Sprüche sind von einem der städtischen Altersheime verfasst worden. Sie, Herr von Hohenfelsen, haben den ersten Keks bekommen. Ich habe später auch einen gekostet. Himmlisch! Und diese niedliche Botschaft erst!“
Gedankenverloren beendete Oliver von Hohenfelsen das Telefonat. Zwei Stunden später stakste der Millionär auf eine ganz bestimmte Zimmertür zu. Sie führte in seinen heiß und innig geliebten Wintergarten. Behutsam drückte er die Klinke herunter und huschte beinahe lautlos hinein. Die warme und feuchte Luft schlug dem Mann entgegen, als er sich zwischen tropischen Bäumchen und Bananenpflanzen hindurchzwängte, barfuß über den geknüpften Teppich schritt und sich schlussendlich in einem strohenen Hängekorb niederließ. Erst jetzt merkte Herr von Hohenfelsen seine gewaltige Anspannung, und als er für einen Moment die Augen schloss und tief durchatmete, hörten seine Hände auf zu zittern, und es kehrte wieder etwas Farbe in das Gesicht zurück. Er atmete. Ein. Und aus. Ein. Aus. Ein. Krawumm! Glas zerstob, Splitter flogen durch die Luft. Oliver riss die Augen auf, und als er sich umdrehte, sah er den schweren anthrazitfarbenen Stein auf dem Laminatfußboden vor dem eingeworfenen Fenster liegen. Heiße Tränen stiegen in ihm auf, so dass alles vor seinen Augen verschwamm.
Der Nachthimmel war tiefblau. Ein heftiger Regenschauer prasselte von ihm herab und alle paar Sekunden zuckten grelle weiße Blitze auf und durchschnitten die Landschaft. Kahle Bäume ragten wie Skelette über den aufgeweichten schlammigen Wiesen auf. Der Matsch quatschte laut unter den verschmutzten Schuhsohlen des Millionärs, als er sich mit zwei Koffern, gefüllt nur mit dem Nötigsten, zum Wagen in der Garage schleppte. Er wollte die Flucht antreten. Zu groß war die Angst vor dem geplanten Mord. Sein Heim, seine Reichtümer und Prahlereien würde er hinter sich lassen müssen, genau wie sein Leben. Aber das war in diesem Moment wichtiger. Mit letzter Kraft hievte er sich und sein Gepäck ins Auto und trat auf das Gaspedal.
Eine Woche später erstrahlte die Villa von Hohenfelsen wieder in einem ansehnlichen Zustand. Die kurzgeschnittenen grünen Rasenflächen, gewundenen Kiespfade und marmornen Springbrunnen waren gepflegt, die eingeworfene Scheibe repariert. Drei Damen, alle um die 80 Jahre alt, saßen lachend im Wintergarten und prosteten sich fröhlich zu. Nachdem Ellen von Hohenfelsen von ihrem Sohn Oliver wegen angeblicher „Altersschwäche“ ins Heim gebracht worden war und er daraufhin in ihre Villa eingezogen, ihre Reichtümer ausgenutzt hatte, hatte sie sich rächen wollen. Ihren Freundinnen Doris und Rosalie war es ähnlich ergangen. So hatten sie sich alle zusammengetan. Und Recht behalten. Ihm blieben nur noch drei Tage. Allerdings in der Stadt, nicht in seinem Leben.

