Dritter Platz in der Klassenstufe 5 bis 7, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen: Lena Maria Kraak von der Otterstein-Realschule Pforzheim (Klasse 7) über ein unheimliches Haus.
Manche Orte wirken schon auf den ersten Blick unheimlich. Nebel liegt schwer über der Landschaft, Geräusche klingen gedämpft, und jeder Schritt fühlt sich an, als würde man in eine andere Welt treten. In einer solchen Nacht machen sich Emma und Finn auf den Weg, um das Geheimnis eines verlassenen Hauses zu lüften. Doch sie ahnen nicht, dass sie dabei etwas begegnen werden, das ihre Ängste zum Leben erweckt.
Der Nebel kroch wie lebendige Finger über die Wiese. Emma zog den Mantel enger um sich, ihre Hände zitterten leicht. Finn folgte dicht hinter ihr, die Taschenlampe wackelte in seiner Hand. Jeder Schritt auf dem feuchten Gras fühlte sich an, als würde der Boden sie verschlingen. „Emma … bist du sicher?“ Finns Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Vielleicht sollten wir … zurück.“ Emma schüttelte den Kopf. „Wenn wir nicht herausfinden, warum Menschen verschwinden, dann tut es niemand. Wir müssen es tun … wir müssen.“ Sie schluckte und strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wir müssen furchtlos sein.“ Stille. Zu still war es. Kein Windzug, kein Rascheln. Nur das entfernte Heulen eines Wolfes, das sich im Nebel verlor. Dann hörten sie es. Ein Flüstern. Dünn wie ein Atemzug, eisig und kaum hörbar, leise wie ein Schatten, der durch die Nacht gleitet und ihnen eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Emma erstarrte, ihr Herz raste. Finns Atem stockte. Jede Faser ihres Körpers schrie vor Angst, doch etwas in ihnen zog sie weiter. Emma griff noch Finns Hand. „Wir … wir drehen um …“. „Nein“, flüsterte Finn, „wir schaffen das. Wollen es.“
Er stolperte vorwärts, obwohl die Angst ihn fast lähmte. Vor ihnen tauchte das Haus auf. Verfallen, von Efeu verschlungen, mit Fenstern wie dunkle Augen. Unerwartet leuchtete etwas im Inneren auf. Ich zuckte zusammen. Finn lief weiter, doch ich fühlte eine Gefahr, die ich nicht benennen konnte. Emma spürte, wie ihre Angst wie ein schwerer Stein in ihrer Brust sich ausbreitete. „Wir … wir gehen jetzt rein“, hauchte Finn. Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, fiel die Tür hinter ihnen zu. Dunkelheit verschluckte alles. Stimmen schienen aus allen Richtungen zu flüstern. Schritte hallten durch das Haus. Ein kalter Hauch umgab sie, und ihre tiefsten Horrorvorstellungen wurden plötzlich greifbar. Emma stolperte gegen Finn. „Ich, ich kann nicht weiter.“ Finns Stimme zitterte, doch sie klang entschlossen: „Doch. Wir schaffen das. Zusammen!“ Plötzlich brach ein Lichtscheinflackern durch die Dunkelheit. Ihre Taschenlampe bildete einen schmalen Pfad aus Licht vor ihnen. Sie schlichen durch die Räume. Ihr Herzschlag hämmerte unerwartet laut in ihrem Ohr. Schattenarme griffen scheinbar nach ihnen, doch sie liefen vorsichtig weiter. Im alten Schlafzimmer auf dem Nachtschrank entdeckten sie ein altes Tagebuch. Der Einband war dunkel und rissig. Als Emma nähertrat, bemerkte sie etwas auf der Umschlagseite. Dunkle Flecken, es schien wie getrocknetes Blut zu sein. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. „Finn … sieh dir das an.“ Vorsichtig öffnete Emma das Tagebuch. Die Seiten knisterten beim Blättern. Zwischen der zittrigen Schrift zogen sich dunkle, verwischte Spuren über das Papier, als hätte jemand mit blutverschmierten Fingern darübergestrichen. Emma schluckte. Auf einer Seite stand nur ein einziger Satz: „Wer in mein Herz tritt, verschwindet in der Dunkelheit. Wer bleibt, ist verloren.“
Emma spürte, wie ihr Atem schneller ging. „Finn … lass uns gehen.“ Finn sagte nichts, er nickte nur zum Einverständnis. Im Flur pulsierte plötzlich ein Lichtimpuls von der Decke, und sie erblickten vor sich eine Gestalt, die nur ein Umriss war, fast menschlich und doch unwirklich. Emma griff nach Finns Hand. Finn drückte ihre Hand fest und zerrte sie zur Treppe. Ein greller Blitz durchzuckte den Flur, als ob eine Birne platzte. Die Gestalt schien zu stöhnen, ihr Körper zerfiel zu Rauch und Nebel. Stille. Emma und Finn standen plötzlich auf dem Trampelpfad vor dem Haus.
Der Nebel begann, sich langsam aufzulösen. Es nieselte und die Kälte kroch in sie hinein. Sie blickten sich vorsichtig um, doch da war nur Dunkelheit, da Wolken vor dem Mond sich aufgetürmt hatten. Kein Schatten, kein Flüstern. Emma sank erschöpft auf die Knie. „Wir, wir haben doch etwas gesehen, oder?“. Finn half ihr wieder auf. Für einen Moment standen sie schweigend im zunehmenden Regen. Dann drehte sich Finn noch einmal um. Es schien, als dass sich etwas zwischen den Bäumen bewegte. Ein Schatten. Still. Beobachtend. Der Wind strich durch die Äste, als würde der Wald selbst ein Geheimnis flüstern. Emma sah Finn an. „Glaubst du, es ist wirklich vorbei?“ Finn antwortete nicht sofort. Er sah noch einmal in den dunklen Wald. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Ich glaube“, sagte er leise, „manche Schatten verschwinden nie.“ Und während sie den Weg aus dem Wald hinuntergingen, kroch der Nebel langsam wieder zwischen die Bäume. Als hätte er nur darauf gewartet.

