Mattea Franz hat am Schreibwettbewerb teilgenommen.
Olga Zimina/PZ
In eigener Sache
Mattea Franz: "Das Meer atmet hier anders"

Erster Platz in der Klassenstufe 8 bis 13, Gymnasien: Mattea Franz vom Lise-Meitner-Gymnasium Königsbach (Kursstufe 1) über Potential und Erfüllung.

Das Haus ihres Großvaters war still. Keine Schritte mehr auf dem knarrenden Parkett, kein leises Fluchen, wenn seine Kamera wieder einmal nicht so wollte wie er. Nur das gleichmäßige Atmen ihrer Mutter und das schleifende Geräusch von Kartons, die über den Boden geschoben wurden. „Aber Opa hat gearbeitet“, wagte Eloise zu widersprechen. „Gearbeitet? Reisen ist keine Arbeit. Fotografieren ist ein Hobby.“

Sie stellte eine Kiste ab, als wäre damit auch das Thema erledigt. „Er hatte Talent, ja. Aber Talent ist nichts wert ohne Disziplin.“ Talent ist nichts wert ohne Disziplin. Du darfst dein Potential nicht verschenken. Die Sätze waren wie eingebrannt in Eloises Bewusstsein. Sie zog die unterste Schublade einer antiken Kommode auf. Zwischen alten Briefen und vergilbten Landkarten lag ein Stapel Fotografien, lose zusammengebunden mit einem ausgeleierten Gummiband. Sie löste es vorsichtig. Sandige Küsten, zerklüftete Klippen, lachende Gesichter in engen Gassen. Das Licht auf den Bildern war weich und warm. Auf einem der Fotos stand in schwungvoller Schrift: „Étretat, 1986 — Das Meer atmet hier anders.“

Eloise erinnerte sich daran, wie sie als Kind die unzähligen Stapel auf der Suche nach dem allerschönsten Foto durchkämmte. „Das kann man nicht mit bloßem Auge erkennen“, hatte ihr Großvater Saint-Exupéry zitiert, „das sieht man nur mit dem Herzen“. Étretat. Frankreich. Langsam drehte sie das Foto um. Auf der Rückseite stand nur ein Satz. „Wenn du nicht weißt, wo du hingehörst.“

„Schmeiß nicht alles durcheinander“, mahnte ihre Mutter. „Wir müssen effizient sein.“ Effizient. Zielgerichtet. Strukturiert. Eloise legte die Fotos nicht zurück. Sie steckte einige in ihre Jackentasche, als würde sie etwas Verbotenes tun. Vielleicht war schon das bloße Betrachten dieser Bilder ein Verrat an dem Weg, der für sie vorgesehen war. Eloise studierte Medizin. Natürlich. Ihre Eltern hatten auf Urlaube verzichtet, Überstunden gemacht, Kredite abbezahlt. „Wir hatten nichts“, äußerte ihr Vater oft. „Und wir wollten, dass du alles hast.“ Sie betrachtete erneut die riesigen Kreidefelsen. „Was hast du da?“ Ihre Mutter trat neben sie. „Nichts“, log Eloise schnell und schob die Karte zurück in ihre Tasche. „Nur Staub.“ Ihre Mutter schnaubte. „Siehst du? Genau das meine ich. Alles wird aufgehoben, sentimentalisiert. Erinnerungen zahlen keine Rechnungen.“ Vielleicht, weil sie unbezahlbar waren. Sie schob den Gedanken so schnell zur Seite, wie er gekommen war.

In den Wochen danach vergrub sich Eloise wieder in ihre Vorlesungen. Anatomie, Biochemie, Pathologie. Ihr Kopf war voll, aber ihr Herz blieb merkwürdig leer. Wenn sie in der Bibliothek saß, starrte sie manchmal aus dem Fenster und stellte sich vor, wie das Licht draußen aussehen würde, wenn man es einfinge. Sie strich mit dem Daumen über die raue Oberfläche des Fotos. Étretat. Abends zogen die Worte ihrer Mutter wie eine Litanei durch ihr Bewusstsein. Du darfst dein Potential nicht verschenken. Wir haben hart gearbeitet, damit du es einmal besser hast. Sie glaubte das alles. Wirklich. Sie wusste, was ihre Eltern aufgegeben hatten. Die kleine Wohnung, die Doppelschichten ihres Vaters, die Müdigkeit in den Augen ihrer Mutter. Und doch ging ihr Étretat nicht mehr aus dem Kopf. Oder besser gesagt, aus dem Herzen. In der Bibliothek, zwischen flackernden Neonlichtern, zog sie die Fotografie aus ihrem Notizbuch. Sie hatte sie dort hineingeschoben, zwischen zwei Kapitel über Herzinsuffizienz. „Wenn du nicht weißt, wo du hingehörst.“ Sie betrachtete die Kreidefelsen. Sie kannte diesen Ort nicht, und doch fühlte er sich vertrauter an als der Hörsaal. Sie begann, die Vorlesungen zu schwänzen. Stattdessen ging sie durch die Stadt und fotografierte mit der alten Kamera ihres Großvaters. Zögerlich zuerst, als würde sie ihre Eltern hintergehen. Einmal fing sie das Licht ein, das durch die Scheiben einer Bushaltestelle fiel und die Regentropfen in kleine Sterne verwandelte. Beim Betrachten stockte ihr der Atem. Doch mit jedem Foto wuchs die Schuld. Ihre Eltern fragten nach Klausuren, Noten, nach Plänen für die Facharztausbildung.

Nachts, als der Regen gegen die Fensterscheibe peitschte und sich das Zimmer enger anfühlte als sonst, stellte sie sich vor, wie ihr Leben in zehn Jahren aussehen würde. Weiße Kittel. Neonlicht. Der Geruch von Desinfektionsmittel. Ein Terminkalender, der überquoll. Respekt. Sicherheit. Und ein stilles, stetiges Gefühl, am falschen Ort zu sein. Dann stellte sie sich vor, sie würde nicht nach Frankreich gehen. Das Foto würde irgendwann vergilben, zwischen alten Skripten verschwinden. Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Sie ging zum Schreibtisch und holte das Formular für das Auslandssemester hervor, das sie Wochen zuvor halbherzig ausgedruckt hatte. „Das ist unvernünftig“ ermahnte sie sich. Aber war es nicht ebenso unvernünftig, ein Leben zu führen, das sich falsch anfühlte? Sie füllte ein Feld aus. Dann noch eines. Ihre Hände zögerten immer wieder. Als würde sie mit jeder Zeile eine unsichtbare Grenze überschreiten. Als der Morgen graute, hatte sie das Formular abgeschickt. „Ich habe mich für ein Auslandssemester beworben“, erwähnte sie beim Abendessen, bemüht beiläufig zu klingen. „In Frankreich.“ Ihre Mutter legte die Gabel ab. „Frankreich?“ „Ein klinischer Austausch. Gute Referenzen. Internationale Erfahrung.“ Sie wusste genau, welche Knöpfe sie drücken musste. „Das sieht gut im Lebenslauf aus.“ Ihr Vater nickte langsam. „International ist immer gut.“ ,,Genau“, bejahte Eloise. „Es ist eine Investition.“ Das Wort schmeckte bitter. Ein paar Wochen später stand sie an der Küste der Normandie. Der Wind war stärker als erwartet. Er roch nach Salz und Freiheit. Die Kreidefelsen von Étretat ragten weiß und trotzig in den Himmel, genau wie auf den Fotos ihres Großvaters. Sie hatte sich eine kleine Unterkunft gemietet, offiziell wegen der Nähe zum Universitätsklinikum in Le Havre. Tatsächlich aber wegen des atemberaubenden Ausblicks auf die Klippen. Am ersten Abend ging sie mit der alten Kamera hinunter zum Strand.

Das Meer atmete hier anders. Sie wartete auf das richtige Licht, darauf, dass die Sonne die Felsen in ein sanftes Gold tauchte. Und dann drückte sie ab. In diesem Moment war es still in ihr. Keine Stimme ihrer Mutter, kein Mantra von Potential und Disziplin. Sie verbrachte jede freie Minute draußen. Sie fotografierte Fischerboote im Morgengrauen, alte Männer beim Kartenspiel in kleinen Cafés, Kinder, die am Strand entlang rannten. Im Klinikum tat sie, was von ihr erwartet wurde. „Sie haben großes Potential“, sagte einer der Ärzte anerkennend. Potential.

Sie entwickelte die ersten Fotos in einem kleinen Fotolabor in der Stadt, stand über einer der Schalen gebeugt und beobachtete, wie sich langsam ein Bild auf dem Papier entwickelte. „Sind Sie Fotografin?“ Ein Mann in den Fünfzigern lehnte im Türrahmen des Labors. „Nein‚ antwortete sie reflexartig. „Ich studiere Medizin.“ Der Mann hob die Augenbrauen. „Fotografie nur nebenbei?“ „Eigentlich gar nicht.“ Sie zögerte. „Das ist die Kamera meines Großvaters.“ Er deutete auf den Stapel Bilder. „Viele schauen nur. Sie sehen“, lobte er. „Wie heißen Sie?“, fragte er schließlich. „Eloise.“ „Antoine.“ Er griff in seine Jackentasche und zog eine Visitenkarte hervor. „Falls Sie Ihre Bilder einmal ausstellen wollen“, fuhr er fort. „Ich bin keine Fotografin“, erwiderte sie. Er deutete auf das Bild in der Schale. „Man kann das nicht mit bloßem Auge erkennen.“ Eloise blickte auf. „Das sieht man nur mit dem Herzen.“ Dann ging er. „Du darfst dein Potential nicht verschenken“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf. Sie stieg noch einmal hinauf zu den Felsen. Der Himmel brannte in Orange und Rot, als würde er selbst in Flammen stehen. Der Wind zerrte an ihrer Jacke. Sie hatte ihre Fotos dabei, lose zusammengebunden mit einem Gummiband. In einer Hand hielt sie ihr Flugticket, in der anderen die Visitenkarte. Sie dachte an ihre Eltern. An ihre Erwartungen. Und zum ersten Mal fragte sie sich nicht mehr, wie sie sie erfüllen konnte. Sondern ob Erfüllung wirklich bedeutete, jemand anderes zu werden. Ihr Potential war kein Kredit, den sie zurückzahlen musste. Wenn sie die Reise jetzt beendete, dann würde sie tatsächlich etwas verschwenden. Nicht ihr Potential, sondern sich selbst.