Erster Platz in der Klassenstufe 8 bis 10, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen: Nala Gevert von der Verbandsschule im Biet Neuhausen (Klasse 9), über eine furchteinflößende Gestalt.
Aurelie hatte schon immer Höhenangst. Schon als Kind wurde ihr schwindelig, wenn sie auf einen Stuhl stieg. In der Schule konnte sie nicht aus dem Fenster im dritten Stock schauen. Aussichtstürme, Brücken, sogar steile Treppen ließen ihre Hände schwitzen und ihr Herz rasen. Deshalb verstand niemand, warum sie an diesem Abend überhaupt hier war. Der Weg führte einen steilen Berghang entlang. Links ragte eine dunkle Felswand nach oben, rechts fiel der Hang tief in einen schwarzen Wald ab. Der Pfad war schmal, kaum breit genug für eine Person.
Aurelie ging langsam. Sehr langsam. Sie hielt sich mit einer Hand an der Felswand fest und wagte es nicht, nach rechts zu schauen. Sie wusste, wenn sie in die Tiefe blickte, würde ihre Angst sofort zurückkommen. „Nur noch ein Stück“, flüsterte sie zu sich selbst. Der Wind rauschte durch die Bäume unter ihr. Es klang, als würden sie miteinander flüstern. Plötzlich löste sich ein kleiner Stein unter ihrem Schuh und rollte über den Rand. Aurelie erstarrte. Sie hörte ihn fallen. Er traf einen Ast. Dann noch einen. Dann... nichts mehr. Kein Aufprall. Nur Stille. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie zwang sich, weiterzugehen. Der Pfad wurde schmaler. Der Felsen zu ihrer Linken war feucht und kalt. Moos klebte an ihren Fingern, während sie sich vorsichtig entlang tastete. Dann hörte sie etwas. Ein Geräusch hinter ihr. Ein Schritt. Aurelie blieb stehen.
Der Wind wehte stärker, aber das war nicht der Wind gewesen. Das war eindeutig ein Schritt gewesen. Langsam drehte sie den Kopf. Der Pfad hinter ihr war leer. Nur der dunkle Wald weit unten und der graue Nebel, der zwischen den Bäumen hing. „Hallo?“ rief sie. Ihre Stimme klang klein und verloren. Keine Antwort. Aurelie atmete tief ein und wollte weitergehen. Da hörte sie es wieder. Ein Schritt. Dieses Mal näher. Sie drehte sich ruckartig um. Niemand. Aber der Nebel bewegte sich. Als würde etwas darin stehen. Aurelies Herz begann, schneller zu schlagen. „Ist da jemand?“, fragte sie. Der Nebel blieb still. Dann hörte sie ein leises Geräusch. Nicht hinter ihr. Vor ihr. Direkt auf dem Pfad. Knirschen. Als würde jemand langsam auf Kies treten.
Aurelie konnte plötzlich kaum noch atmen. Der Pfad war so schmal, dass niemand an ihr vorbeigehen konnte. Wenn dort jemand stand, gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie musste zurück. Oder... Oder jemand musste an ihr vorbei in die Tiefe. Ein dunkler Umriss erschien im Nebel. Eine Gestalt. Groß. Unbeweglich. Aurelie wich einen Schritt zurück. Ihr Rücken stieß gegen die Felswand. „Ich... ich will nur vorbei“, sagte sie leise. Die Gestalt bewegte sich nicht. Der Wind wurde stärker. Der Nebel zog kurz auseinander. Und Aurelie sah das Gesicht. Oder das, was ein Gesicht sein sollte. Die Haut war grau. Die Augen waren viel zu groß. Und der Kopf war leicht zur Seite gekippt, als würde die Gestalt sie neugierig betrachten. Aurelie presste sich gegen den Felsen. „Bitte...“ Die Gestalt machte einen Schritt nach vorne. Der Pfad knirschte unter ihrem Gewicht. Aurelie sah nach rechts. Ein Fehler. Die Tiefe öffnete sich vor ihr wie ein schwarzes Loch. Der Wald unter ihr schwankte im Wind, und ihr Kopf begann sich sofort zu drehen. Ihr Blick verschwamm. Sie klammerte sich panisch an den Felsen. „Nicht runtersehen“, flüsterte sie.
Als sie wieder nach vorne blickte, stand die Gestalt direkt vor ihr. Zu nah. Sie roch feuchte Erde und etwas Moderndes. Langsam hob die Gestalt den Kopf. Ihr Hals knackte dabei leise. Die Augen starrten Aurelie an. Dann öffnete sich ihr Mund. Viel zu weit. „Du hast Angst“, flüsterte die Gestalt. Die Stimme klang, als käme sie aus einer tiefen Höhle. Aurelie schüttelte den Kopf. „Bitte geh einfach.“ Die Gestalt neigte den Kopf noch weiter. Dann machte sie einen weiteren Schritt. Der Pfad war jetzt zu eng für beide. Aurelie spürte den Rand unter ihrem Schuh. Ein kleiner Kiesel löste sich und verschwand in der Dunkelheit. „Du kannst nicht zurück“, sagte die Gestalt ruhig. Der Wind heulte jetzt durch die Felsen. Aurelies Hände zitterten so stark, dass sie kaum noch Halt fand. „Warum bist du hier?“, fragte die Stimme. Aurelie brachte kein Wort heraus. Die Gestalt beugte sich näher zu ihr. Ihre Augen waren vollkommen schwarz. „Du hast Angst vor der Tiefe“, sagte sie. Aurelie nickte schwach. Die Gestalt lächelte. Ein langsames, schreckliches Lächeln. „Gut.“ Dann trat sie plötzlich zur Seite. Der Pfad vor Aurelie war frei. Aurelie starrte sie an. „Du... lässt mich vorbei?“ Die Gestalt nickte. „Geh.“ Aurelie zögerte.
Dann drückte sie sich vorsichtig an der Gestalt vorbei. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie glaubte, es würde den ganzen Berg erschüttern. Als sie an der Gestalt vorbeiging, spürte sie etwas Seltsames. Der Boden fühlte sich plötzlich … falsch an. Weicher. Instabil. Aurelie blieb stehen. „Was ist...“ Die Gestalt hinter ihr begann leise zu lachen. Ein trockenes, kratzendes Geräusch. Langsam drehte Aurelie den Kopf. Der Nebel verzog sich für einen Moment. Und sie sah, worauf sie stand. Der Pfad hörte einfach auf. Direkt vor ihr war nichts mehr. Nur Luft. Der Weg war vor langer Zeit abgebrochen. Sie stand nur noch auf einem schmalen Stück Fels, das aus der Wand ragte. Hinter ihr stand die Gestalt. Der einzige Weg zurück führte direkt an ihr vorbei. Aurelies Beine wurden weich. „Warum...?“, flüsterte sie. Die Gestalt lächelte wieder.
„Weil Menschen mit Höhenangst am schönsten fallen.“ Der Wind wurde plötzlich stärker. Der Felsen unter Aurelies Füßen bröckelte. Ein Riss lief durch das Gestein. Aurelie schrie. Sie griff nach der Felswand. Aber ihre Finger fanden keinen Halt. Der Stein brach. Und während sie fiel, hörte sie noch einmal das leise Lachen über sich. Dann verschluckte die Dunkelheit jedes Geräusch.Erster Platz in der Klassenstufe 8 bis 10, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen:Nala Gevert von der Verbandsschule im Biet Neuhausen (Klasse 9), über eine furchteinflößende Gestalt.

