Niayesh Yakta hat am Schreibwettbewerb teilgenommen.
Olga Zimina/PZ
In eigener Sache
Niayesh Yakta: "Schatten eines Mädchens"

Erster Platz in der Klassenstufe 8 bis 10 Werkreal-,Real- und Gemeinschaftsschulen: Niayesh Yakta von der Ludwig-Uhland-Schule Heimsheim (Klasse 10) über Angst und Hoffnung.

Ich bin ein afghanisches Mädchen. Auch wenn ich nicht in Afghanistan lebe, lebt Afghanistan in mir. In meiner Sprache, in meinem Namen, in Erinnerungen, die ich vielleicht nie selbst erlebt habe, die aber dennoch in meinem Blut weitergetragen werden. Was mir Angst macht, sind nicht Krieg und Explosionen. Was mich weit mehr erschreckt, ist eine Stille, alltägliche Ungerechtigkeit. Eine Grausamkeit, die lautlos geschieht, für die niemand seine Stimme erhebt, für die niemand schreit. Wenn ich an die Mädchen meines Heimatlandes denke, empfinde ich Schuld. Nicht, weil ich froh bin, nicht an Ihrer Stelle zu sein, sondern weil ich weiß, dass der Unterschied zwischen uns nur geographischer Natur ist, nicht ein Unterschied der Würde, nicht der Träume und nicht einmal des Menschseins. Ein Mädchen in Kabul hat genau das gleiche Recht zu träumen wie ich. Ein Mädchen in Herat hat genau das gleiche Recht zu leben wie ich. Doch das Leben war nicht freundlich zu ihm. Ich fürchte mich vor einem Mädchen, das morgens aufwacht und nicht weiß, ob es heute die Erlaubnis hat, sie selbst zu sein. Ich fürchte mich vor einem Mädchen. dass ihre Augen neben einem fremden Mann öffnet, anstatt neben den Puppen ihrer Träume. Vor einem Mädchen, das ihre Bücher wie ein Geheimnis versteckt. Vor einem Mädchen, das das Schweigen lernt, noch bevor es versteht, was Zukunft bedeutet.

Afghanistan ist voller Mädchen, die nachts im Dunkel ihrer Zimmer über ein Leben nachdenken, das vielleicht nie für sie geschrieben wurde. Mädchen, die mit offenen Augen träumen und mit müden Herzen einschlafen. Was mir Angst macht ist, dass die Welt sie nur als Nachrichten wahrnimmt, als Zahlen, als Statistiken oder vielleicht nur als Opfer. Nicht als Menschen. Nicht als Mädchen. Nicht als Herzen, die für Freiheit, für Träume oder für ihre Familien schlagen. Ich fürchte, dass ihr Schmerz zu Normalität wird, dass ihre Tränen niemanden mehr erschüttern. Denn wenn Schmerz normal wird, ändert sich nichts mehr.

Auch wenn ich nicht in Afghanistan bin, sehe ich jedes Mal, wenn ich lache, jedes Mal, wenn ich lerne, jedes Mal, wenn ich meine Meinung frei äußere, den Schatten eines Mädchens, das ich hätte sein können, aber nicht bin. Das ist meine größte Angst.

Die Mädchen in Afghanistan sind nicht schwach. Sie haben aus Begrenzung Stärke geformt. Selbst als ihnen fast alles weggenommen wurde, konnte man ihnen die Träume nicht aus dem Herzen reißen. Und vielleicht ist genau das die größte Bedrohung für jede Form von Unterdrückung. Ich habe Angst, aber ich trage auch Hoffnung in mir. Die Hoffnung auf einen Tag, an dem ein afghanisches Mädchen nicht mehr um Erlaubnis bitten muss, um zu leben. Auf einen Tag, an dem der Name Afghanistan nicht neben Schmerz steht, sondern neben Stolz.

Bis dahin ist Schreiben eine Pflicht. Erinnern ist eine Pflicht. Und nicht zu vergessen ist eine Form des Widerstandes. Denn ich bin ein afghanisches Mädchen, und Schweigen ist nicht meine Wahl.