Nina Sellmann hat am Schreibwettbewerb teilgenommen.
Olga Zimina/PZ
In eigener Sache
Nina Sellmann: "Die dreisten Hennen"

Erster Platz in der Klassenstufe 5 bis 7, Werkreal-, Real-, und Gemeinschaftsschulen: Nina Sellmann von der Ludwig-Uhland-Schule Heimsheim (Klasse 6) über einen tierischen Plan.

Bauer Kalle war stolz. Er besaß einen Traktor, drei Gummistiefel-Paare und zwölf der stolzesten Hennen im ganzen Umkreis. Doch seit einer Woche war die Stimmung auf seinem Hof gesunken. Jeden Morgen, wenn er mit dem Futtereimer zum Stall gekommen war, musste er feststellen, dass eine seiner Hennen fehlte. Erst war es die dicke Dora, dann die flinke Vroni und schließlich noch die arrogante Adelheit, die sonst immer auf der höchsten Stange thronte.

„Ein Fuchs“, kombinierte Kalle und kniff die Augen zusammen, wie er es bei den Kommissaren im Fernsehen gesehen hatte. „Ein hinterhältiger, pelziger Dieb mit einem Appetit auf kleine, wehrlose Hennen.“ Kalle rüstete auf. Er installierte Bewegungsmelder, die jeden vorbeifliegenden Nachtfalter aufzeichneten. Er besorgte sich sogar eine Nachtsichtbrille und ein teures Touch-ID-Schloss für die Stalltür. Doch es half nichts. Jeden Morgen: Ein Huhn weniger. Und das Seltsamste? Es gab keine Spuren. Keine Federn, kein Blut, kein einziger Hinweis. Der Dieb war ein pelziger Profi. Seine Frau, die einen Eier-Automaten führte, war schockiert: ,,Kalle, das ist ja wohl nicht dein Ernst, du machst irgendetwas falsch!“ Doch der wahre Schock kam am nächsten Tag. Kalle war nach einer weiteren erfolglosen Nachtwache in einem Gebüsch aufgewacht. In der Nacht hätte er fast einen harmlosen Igel erschossen, weil er ihn für ein Ninja-Eichhörnchen gehalten hatte. Er wollte sich nur kurz im Wohnzimmer aufwärmen. Doch als er die Tür öffnete, traute er seinen Augen nicht. Sein Wohnzimmer, das normalerweise nach altem Haus und Bauernhof roch, sah aus wie nach einem Faschingsumzug. Sein schönes Daunenkissen? In Fetzen. Die große Wolldecke, die ihm seine Tante Emma zum 50. Geburtstag gestrickt hatte? Zu einem riesigen Knäuel zusammengerollt. Der teure Teppich? Mit einer Schicht aus Zeitungsschnipseln und Spänen bedeckt, die jemand offensichtlich aus der Werkstatt entwendet hatte. Und in dem Moment kam auch noch seine Frau hereingeplatzt und sagte laut: „Kalle, schnell, wir brauchen Eier“! Er wusste nicht, ob er das persönlich nehmen sollte. Er starrte seine Frau nur verdutzt an, die jetzt auch noch panisch im Wohnzimmer umherlief. Nachdem sie alles nach Spuren untersucht hatten, sahen sie.... die dicke Dora direkt auf dem Couchtisch sitzen. Sie thronte in einer Art Luxus-Nest aus feinsten Kissenbezügen und starrte Kalle mit einem Blick an, der sagte: ,, Kannst du bitte anklopfen? Wir wollen unsere Ruhe!“ Kalle stammelte: „Dora? Was ... wie ... seid ihr hier reingekommen?“ In diesem Moment kam die flinke Vroni hinter dem Fernseher hervor. In ihrem Schnabel trug sie eine Packung Salat, die sie im Nest verteilt hatte. Aus der Küche drang ein vertrautes Gackern.

Kalle stürmte hinein und fand den Rest der Bande. Die Hühner hatten die Vorratskammer geplündert. Seine Adelheit saß auf dem Toaster und wärmte sich die Füße, während drei andere Hennen versuchten, eine Packung Müsli aufzupicken. „Das ist ein Einbruch!“, schrie Kalle. „Ich saß draußen im Frost, während ihr euch hier ein Wellness-Wochenende macht?“

Die Hennen ließen sich nicht stören. Erna, die Anführerin der Gruppe, hüpfte auf seinen Sessel. Sie hatte sich ein Stück von einem alten Vorhang um den Hals gewickelt. Sie blickten Kalle tief in die Augen und gackerten nur laut. In diesem Moment verstand Kalle. Er erinnerte sich an die klirrende Kälte im Stall und daran, dass er seit Monaten versprochen hatte, eine Isolierung einzubauen. Er schaute sich um: Seine Hühner waren nicht gestohlen worden. Ihnen war einfach nur kalt. Sie waren durch die Katzenklappe – die Kalle eigentlich für die Nachbarskatze eingebaut hatte – ins Warme gekommen.

„Na gut‘“, seufzte er, während er die dicke Dora vorsichtig vom Couchtisch hob, unter der drei perfekt gelegte Eier zum Vorschein kamen. „Aber der Salat ist tabu. Und wenn ihr fernsehen wollt, wird geguckt, was ich sage. Keine Kochshows mehr, das macht euch nur nervös!“ Die Hühner gackerten zustimmend. Und so kam es, dass Bauer Kalle der einzige Landwirt im Dorf war, der seine Eier morgens nicht im Stall, sondern zwischen den Sofakissen im Wohnzimmer suchen musste. Doch das ist nicht das Ende der Geschichte, nein noch lange nicht.

Die Hennen hatten nämlich nicht vor, jemals wieder in den Stall zurückzukehren. Warum auch? Im Wohnzimmer gab es RTL, eine Kuscheldecke und keinen lästigen Wind. Schon nach zwei Tagen hatte Erna, die Anführerin, das Kommando über die Fernbedienung. Kalle staunte nicht schlecht, als er abends ins Zimmer kam und die Gruppe eine Dokumentation über Dinosaurier ansah. Jedes Mal, wenn er versuchte, auf die Sportschau umzuschalten, hackte Vroni gezielt nach seinen Fingern, bis er die Hände hob. Kalle versuchte, eine klare Ansage zu formulieren: „Das Sofa gehört mir, der Teppich euch!“. Am nächsten Morgen fand er die dicke Dora schlafend auf seinem Kopfkissen, während sie leise schnarchte – ein Geräusch, von dem Kalle bis dahin gar nicht wusste, dass es das gab. Wirklich kompliziert wurde es erst, als der Postbote klingelte. Als er durch das Fenster sah, wie eine Henne mit einem Stück Gardine als Umhang auf dem Couchtisch saß und fernsah, ließ er das Paket einfach fallen und rannte schreiend davon. Eines war klar, er musste einen Kompromiss mit den Hennen schließen, bevor alles komplett aus dem Ruder lief. Er baute den Hennen im Sommer einen nagelneuen schönen, blitzblanken, großen Hühnerstall, mit Wärmelampen, Dämmung und allem Schnickschnack, den es gab. Außerdem durften sie einmal in der Woche mit Kalle und seiner Frau im Fernsehen eine Kochshow anschauen.