Zweiter Platz in der Klassenstufe 5 bis 7, Gymnasien: Ole Noack vom Hilda-Gymnasium Pforzheim (Klasse 6) über einen Scherz mit Folgen.
Hallo, ich bin Spinni und lebe im Pforzheimer Wildpark. Mit meinen Nachbarn, den Wildschweinen und den Waldrappen, verstehe ich mich prächtig. Besonders spaßig ist das Rodeoreiten mit den Frischlingen. Natürlich bin ich der Reiter, nicht die Frischlinge. Meine Voliere muss ich leider mit Uhu Ulrich, dem alten Nörgler, teilen. Und das, obwohl der Platz schon recht dürftig ist. Gerade feiern wir Ulrichs Geburtstag mit einer fetten Party. Die Party wäre beinahe ins Wasser gefallen. Warum erzähle ich euch jetzt: Es war eine Nacht vor Ulrichs Geburtstag und alles war wie immer. Der alte Uhu ließ mich unbehelligt in meinem Netz auf seinem Kopf zwischen den zwei Puschelfedern schlafen. „Schnarch nicht so, Spinni, das verdirbt mir den Appetit“, beschwerte sich Ulrich zwischen zwei Happen. Schlaftrunken öffnete ich eins meiner Nebenaugen, um die Lage zu peilen, und brummelte zurück: „Gib Ruhe, du alter Zausel, stör meinen Schönheitsschlaf nicht.“
Dann schloss ich das Auge wieder. Doch bedauerlicherweise konnte ich jetzt nicht mehr einschlafen. Ärgerlich. Ich drehte und wendete mich noch ein paar Mal, aber der Schlaf kam nicht mehr zurück. „Na warte!“, dachte ich und fing an, mich abzuseilen. Ganz langsam. Ganz leise. Herab vom Puschelohr. Millimeter für Millimeter. Als ich direkt vor Ulrichs linkem Auge schwebte, streckte ich alle acht Beine kerzengerade aus, riss sämtliche Augen auf und schrie aus Leibeskräften: „Buhhh!“ Ich muss wirklich furchteinflößend gewirkt haben, denn der Uhu kippte rücklings von seinem Lieblingsfelsen. Er kullerte mit mir den Hang hinab. Ich hing dabei an meinem Faden, wie an einem Lasso und wurde wild herumgeschleudert. Als wir unten landeten, war Ulrich von Kopf bis Fuß in Spinnenseide gekleidet. Er ächzte leise. Scheinbar war der Aufschlag schmerzhaft gewesen, doch ich war wirklich weich gelandet. Plötzlich wackelte der Boden unter uns, brach weg und es ging mit Schwung noch eine Etage tiefer. Wir rutschten in die Tiefe, immer weiter hinab, nichts konnte uns stoppen, nicht einmal das Kaninchen, das uns verdutzt aus einem Seitengang hinterherblickte, als wir vorbeibretterten. Erdbrocken wurden hochgeschleudert,
Staub wirbelte auf, und wir hörten das Kaninchen in der Ferne kläglich husten. Schließlich knallten wir mit Karacho auf einen harten und steinigen Untergrund. Ich blieb benommen liegen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Nach dem rasanten Abgang brauchte ich erstmal eine Auszeit. Ich schälte mich aus Ulrichs Federn. Es wackelte unter mir. Unter Jammern und Stöhnen rappelte er sich auf, plusterte sein Gefieder und meckerte: „Was ist das für ein Dreck?“
Er schüttelte sich wie ein nasser Hund. Ich konnte mich gerade noch an seiner Flügelspitze festhalten, um nicht weg katapultiert zu werden. Schon ging es weiter mit dem Geschimpfe: „Spinni“, er schaute unter seinen rechten Flügel, konnte mich aber nicht entdecken, „wo bist du abgeblieben? Was hast du wieder angestellt? Immer nur Quatsch machen. Verrückte Spinne! Was anderes fällt dir wohl nicht ein!“ In aller Ruhe sortierte ich meine acht Beinchen, um Zeit zu schinden und eine passende Erwiderung zu finden. Schließlich piepste ich kleinlaut: „Hier bin ich.“ Das war die schlagfertigste Antwort, die mir in der Kürze der Zeit eingefallen war. „Hier bin ich, hier bin ich“, äffte er mich nach und pflückte mich zielsicher aus seinen Federn. Flugs krabbelte ich auf die Oberseite von Ulrichs Schnabel, so das er schielen musste, um mich zu sehen. Ich kicherte. Der Uhu zog die Augenbrauen hoch, was so viel hieß wie: „Spuck‘s aus, Bursche.“ Wir verstanden uns wie immer ohne Worte. Ich überlegte, ob ich ihm sagen sollte, wie lustig er mit schielendem Blick und Dreck im Gefieder aussah, entschied mich aber dagegen. Mühsam unterdrückte ich mein Kichern und nuschelte in mich hinein: „Tut mir leid, blöd gelaufen.“ Ulrich verdrehte die Augen und grummelte nur: „Du kicherst fertig und ich mach mich sauber.“ „Jep“, antwortete ich einsilbig. Ulrich pustete sich alle Staubkörnchen von den Krallen, bis sie wieder funkelten wie die Forke unseres Pflegers im Sonnenschein. Er murrte herum: „So ein Dreck! Überall Staub. Meine schönen Krallen, alles ruiniert.“ Ich wollte schon erleichtert auf meinen Platz zwischen den Puschelfedern klettern, als er sich hingebungsvoll seinem Gefieder zuwandte und weiternörgelte: „So ein Theater wieder. Alles juckt wie die Pest.“ Ungeduldig hüpfte ich von einem Bein aufs andere. Wurde der mal irgendwann fertig? Ich bin da halt viel unkomplizierter.
Bestimmt war ich eingeschlafen, denn plötzlich schreckte mich Ulrichs Stimme auf: „Hey, du Schlafmütze! Wie kommen wir hier wieder raus?“ Er ruckte mit seinem Kopf nach oben, wo noch ein fahler Lichtschimmer zu sehen war. Wir kannten nur den einen Weg, also gab es ein Problem. Ich konnte zwar hochkraxeln, aber Ulrich war nicht so der Kletterfritze. Er würde hier unten jämmerlich verhungern. Der Arme. Es hatte aber auch eindeutig Vorteile. In der Voliere wäre mehr Platz für mich. Andererseits... Ulrich war mir doch irgendwie ans Herz gewachsen. Also mussten wir einen anderen Weg finden. Der Uhu blickte sich in alle Richtungen um und entschied sich dafür, dass wir nach rechts gehen sollten. Ich war mit seinem Plan nicht so ganz einverstanden, denn ich wollte nach links. Also spielten wir Schere, Stein, Papier. Ich wähnte den Sieg schon ganz nah, denn was sind schon zwei Flügel gegen acht Beine, doch dann nahm Ulrich Stein und ich hatte trotz Mogeln bloß die Schere und auch einen Stein. Ich hatte verloren! So gingen wir nach rechts. Natürlich hatte ich das bessere Gespür gehabt, denn schon bald landeten wir in einer Sackgasse. Ha! Hatte ich es doch gewusst! Deshalb drehten wir um. Aber wieder Fehlanzeige. „Siehst du, du weißt es auch nicht besser!“, giftete Ulrich mich an. Recht schnell wurde klar, dass wir eine Abzweigung übersehen hatten. „Da geht‘s bestimmt raus“, frohlockte ich, während wir abbogen. Es dauerte leider nicht lange, bis wir abermals auf eine Gabelung stießen. Gleich drei Tunnel auf einmal! „So ein Schlamassel, nur wegen dir!“, schnarrte Ulrich. Ohne sich mit mir abzusprechen, hopste er wahllos in einen der Gänge. Die Zeit dehnte sich scheinbar endlos. Der verdammte Sturkopf ignorierte meine Einwände völlig und tappte blindlings drauflos. Eigentlich war ich mir sicher, dass wir hier schon mal vorbeigekommen waren, aber Ulrich interessierte auch das nicht. „Du, ich muss mal kurz Pippi, bitte“, jammerte ich. „Kannst du es nicht mehr aushalten bis wir hier draußen sind?“, fragte er genervt. Ich erwiderte: „Nööö.“ Ulrich murmelte nur: „Dann geh halt.“
Direkt als ich mir eine ruhige Stelle gesucht und angefangen hatte, kam das Kaninchen von vorhin um die Ecke gehoppelt. Es kreischte empört: „Iiiiiiiiiih, pinkelst du etwa gerade in meinen Bau?! Die Toilette ist da drüben, dritter Gang rechts.“ Schnell huschte ich hinüber, um mich endlich zu erleichtern. Puh, das war knapp gewesen. Zurück bei Ulrich, war das Kaninchen immer noch da. Die beiden plauderten angeregt miteinander. Ungeniert platzte ich dazwischen und fragte: „Du, weißt du einen Weg nach draußen?“ Es unterbrach nur ungern das lebhafte Gespräch, erwiderte dann aber: „Natürlich, ich lebe hier. Kommt mit, ich zeig ihn euch.“ So folgten wir ihm. Ein paar Abzweigungen später kamen wir an einen Ausgang. „Juchhu, Tageslicht!“, rief ich. Ulrich schuhute freudig. Wir waren im Wisentgehege, fast zu Hause. Dankbar umarmte ich die Pfote des Kaninchens, denn höher kam ich nicht. Ulrich nickte ihm zu. Ich nahm meinen Platz zwischen den Puschelfedern wieder ein und sofort breitete der Uhu seine Flügel aus und schwang sich in die Lüfte. Jetzt sitzen wir inmitten von Ulrichs Partygästen, todmüde aber überglücklich.

