Streaming-Ausblick - «The Boys» Staffel 5
Kaum eine Serie treibt das Prinzip des Antihelden so weit wie «The Boys».
Darren Goldstein/Prime Video/dpa
Boulevard/Kultur
Risse im Heldenbild – warum «The Boys» so gut funktioniert

Lange Zeit war das Prinzip klar: Superhelden retten die Welt, stehen für Moral, Ordnung und das Gute. Doch dieses Bild hat sich seit geraumer Zeit verschoben. Statt makelloser Retter dominieren zunehmend gebrochene Figuren – Antihelden, deren Entscheidungen zweifelhaft sind und deren Motive nicht immer edel.

Serien wie «Breaking Bad» (2008) haben das früh vorgemacht: So entwickelt sich der krebskranke Walter White vom unscheinbaren Chemielehrer zum skrupellosen Drogenbaron. Auch Filme wie «Joker» (2019) erzählen von Figuren, die an der Gesellschaft zerbrechen und gerade deshalb eine verstörende Faszination entfalten. Sie lügen, verlieren die Kontrolle, handeln egoistisch – und wirken gerade deshalb näher an der Realität.

Faszination Antiheld

Kaum eine Serie treibt dieses Prinzip so weit wie «The Boys». Seit ihrem Start 2019 dekonstruiert die US-amerikanische Produktion von Prime Video das klassische Superheldenbild. Die sogenannten Supes sind hier keine strahlenden Vorbilder, sondern Produkte eines Systems – vermarktet, kontrolliert und zugleich außer Kontrolle geraten.

Der Reiz solcher Figuren liegt in ihrer Ambivalenz: Während klassische Helden oft unerreichbar erscheinen, spiegeln Antihelden menschliche Schwächen wider. Sie sind widersprüchlich, verletzlich, manchmal grausam. Zuschauer erkennen darin etwas Vertrautes – vielleicht sogar eigene Unsicherheiten. Die klare Trennung zwischen Gut und Böse verschwimmt.

Showrunner Eric Kripke versteht die Serie als eine Reaktion auf politische Entwicklungen. Im «Hollywood Reporter» bezeichnete er sie als «beißende Satire auf das Amerika des 21. Jahrhunderts». Ursprünglich als realistische Superheldengeschichte gedacht, habe sie sich mit der Zeit zu einer Metapher für die Verbindung von Promikult und Autoritarismus entwickelt – und zu einer Welt, in der, so Kripke, niemand glaubhaft behaupten könne, die Welt zu retten.

Homelander als Spiegel der Gegenwart

Im Zentrum steht dabei eine Figur, die diese Entwicklung auf die Spitze treibt: Homelander. Nach außen der perfekte Held, innerlich jedoch getrieben von Unsicherheit, Kontrollbedürfnis und Größenwahn. Seine Auftritte wirken wie perfekt inszenierte Medienmomente – kalkuliert, emotional aufgeladen, jederzeit bereit zu kippen.

Gerade darin liegt die beunruhigende Qualität der Serie. Homelander erinnert an reale Machtfiguren, ohne je eine konkrete Vorlage zu benötigen. Charisma, Selbstinszenierung und die Fähigkeit, Angst und Bewunderung gleichzeitig zu erzeugen, verschmelzen hier zu einer Figur, die mehr ist als ein klassischer Serienbösewicht.

Hauptdarsteller Antony Starr berichtet im Gespräch mit dem Branchenblatt «Variety» davon, dass die Darstellung von Homelander weit über eine einfache Rolle hinausgehe. «Ich gehe bei den Dingen so sehr ins Detail, und mit dieser Figur verliere ich mich in so vielen seltsamen Gedankengängen.» Eine der größten Schwierigkeiten bei Homelander sei «sein Ego, und dass er in sich selbst gefangen ist», sagte der 50-Jährige im Interview.

Finale Eskalation

Mit der fünften und finalen Staffel erreicht diese Entwicklung nun ihren Höhepunkt (ab 8. April bei Prime Video). Im Zentrum der Serie steht seit jeher der Konflikt zwischen den «Supes» – übermenschlich begabten, von einem Konzern vermarkteten Superhelden – und einer Gruppe von Menschen, die sich ihnen entgegenstellen: den «Boys». Angeführt von Billy Butcher (gespielt von Karl Urban) kämpfen sie gegen ein System, das Macht nicht kontrolliert, sondern gezielt ausnutzt.

In der neuen Staffel ist die Welt weitgehend in Homelanders Hand, dem mächtigsten aller «Supes». Widerstand wird unterdrückt, Gegner verschwinden. Figuren wie Hughie (Jack Quaid), Mother’s Milk (Laz Alonso) oder Frenchie (Tomer Kapon) kämpfen nicht mehr nur gegen einzelne Gegner, sondern gegen ein ganzes System – und mit der Frage, wie weit sie selbst dabei gehen dürfen.

Drehbuchautor Kripke hatte bereits früh klargemacht, dass die Serie auf ein klares Ende zusteuert. Dem Filmmagazin «Deadline» sagte er, die Geschichte sei immer als mehrteilige Entwicklung gedacht gewesen – mit einem Finale, das die Konsequenzen der aufgebauten Machtverhältnisse zu Ende denkt. Damit verschiebt sich auch die Perspektive: Es geht nicht mehr darum, ob jemand gewinnt, sondern darum, was von dieser Welt übrig bleibt.

Warum wir trotzdem hinschauen

Trotz aller Brutalität und Überzeichnung bleibt «The Boys» mehr als reine Provokation. Die Serie funktioniert, weil sie Extreme mit Wiedererkennbarkeit verbindet. Hinter den aufwendigen und größtenteils blutigen Szenen stehen Fragen, die weit über das Genre hinausgehen: Wie gehen Gesellschaften mit Macht um? Warum folgen Menschen charismatischen Figuren – selbst dann, wenn diese gefährlich sind?

Zum Serienfinale am 20. Mai ist klar: In «The Boys» geht es längst um mehr als nur um Superhelden. Sie ist eine Geschichte über Macht, Inszenierung – und darüber, wie dünn die Grenze zwischen Held und Gefahr sein kann.

© dpa-infocom, dpa:260408-930-917421/1

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