Für Nelly (Ella Morgen) ist es ein Schlüsselmoment: Als ihre Chefin sie wegen des Handys in ihrer Hand rügt, reicht es ihr. Sie wirft die Kellnerinnenschürze auf den Boden, geht und kommt ihrem Rausschmiss so zumindest ein paar Stunden zuvor. Denn sie hat sich entschieden: Statt für einen Hungerlohn anderen Essen und Champagner zu servieren, will sie ihn lieber selbst trinken - und dafür auch noch von wohlhabenden Männern bezahlt werden.
Die BWL-Studentin heuert unter dem morgenroten Künstlernamen Aurora bei einem Escort-Service an und macht künftig mit Männern auch andere Dinge, als nur Champagner zu trinken. Sie will endlich genug Geld haben für die Rückzahlung ihres Studienkredites, sagt sie - und auch für sich selbst. Von ihrem ersten Lohn kauft sie Ersatz für den leckenden Kühlschrank in der WG, in der sie mit ihrer Kindergartenfreundin Bonnie (Manal Raga a Sabit) lebt.
Sechs Folgen à 25 Minuten
So beginnt die ARD-Serie «Selling Sex», die in sechs kurzen, jeweils 25 Minuten langen Episoden erzählt, wie sich Nellys Leben durch den neuen Nebenjob langsam aber sicher radikal ändert. Zu sehen ist das vom 28. August an im Ersten und vorher schon in der ARD-Mediathek.
Bei ihrem ersten Date trifft sie auf einen Mann, der in Tränen ausbricht, als sie ihm auf der Restaurant-Toilette einen Hand-Job gibt - und auf Ben (Malik Blumenthal), der den gleichen beruflichen Weg eingeschlagen hat wie sie und an dem Abend an der Bar auf Kundin Heike wartet.
Verliebt Nelly sich in einen Callboy?
Dass es zwischen den beiden Prostituierten knistert, ist aber nicht mehr als ein Nebenstrang, der sich durch den Sechsteiler zieht. Um Romantik geht es nicht in der Serie, es geht um Nelly und das, was sie erlebt, um das, was sie will.
Auch wenn bei einem Junggesellenabschied plötzlich acht statt vier Männer auf Nelly und ihre drei Kolleginnen warten und die Bestellungen, die der ein oder andere Kunde aufgibt, sie zumindest überraschen, zeigt die Serie ihre Hauptdarstellerin nie als eine Frau, die anders handelt als selbstbestimmt.
Dabei verliert sie zunehmend ihre beste Freundin Bonnie aus dem Blick, die nebenher ihre Lust daran entdeckt, fremden Männern beim Onanieren zuzuschauen - und auch das Gefühl für die eigene Sexualität. Die Beziehung zu Ben wird auch darum kompliziert, weil die Frage im Raum steht: Ist es gerade Lust? Oder Performance?
Sex als lukratives Geschäft
Die Studentin hält - auch wenn ihr dominanter Kunde Tsuneo (Madieu Ulbrich) sie aus dem Konzept bringt und sie ihm gefallen möchte - die Fäden in der Hand, ist kein Opfer der Umstände, kein Opfer einer Branche, in der Männer das Geld haben und Frauen gekauft werden. «Wenn alles ohnehin seinen Preis hat, macht die attraktive BWL-Studentin aus Sex ein lukratives Geschäft», heißt es im ARD-Pressetext.
So ist käuflicher Sex in «Selling Sex» weit weg von Reeperbahn-Klischees, von Zwangsprostitution, von Gewalt. Wie realistisch das wirklich für einen Großteil der Frauen ist, die in Deutschland Sexarbeiterinnen sind, das sei dahingestellt.
«Je tiefer sie in diese Welt eintaucht, desto mehr merkt sie, dass sie dort nicht nur finanzielle Unabhängigkeit findet, sondern auch Selbstbewusstsein und eine Form von Kontrolle über ihr eigenes Leben», sagt Hauptdarstellerin Ella Morgen über ihre Rolle als Nelly/Aurora. «Gleichzeitig gerät sie immer wieder in einen Konflikt mit den Vorstellungen anderer Menschen darüber, wie eine junge Frau leben oder ihren Körper einsetzen "sollte".»
Prostitution als feministischer Akt?
Kann Prostitution Ausdruck der weiblichen Selbstbestimmung sein? Ein Akt des Feminismus? Ganz zum Schluss präsentiert Nelly ihre Geschäftsidee von Kapitalanlagen für Prostituierte, die vorsorgen wollen für den Fall, dass ihr Körper irgendwann nicht mehr so viel abwirft. Die klare Botschaft: Sexarbeit ist Arbeit, ist Kapital, ist Selbstbestimmung.
«Ein wichtiges Stilmittel ist für uns die Überhöhung von Klischees, um sie so zu brechen. Erotik und Sex werden gezeigt und die Frage aufgeworfen: Wann beginnt Käuflichkeit?», sagen die Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen Miriam Dehne und Marie C. König. In Interviews hat König auch von ihren eigenen Erfahrungen als Escort erzählt. Diese Erfahrungen sind in die Serie eingeflossen.
© dpa-infocom, dpa:260826-930-584678/1

