«Sondervermögen» ist «Unwort des Jahres» 2025
Mit dem «Unwort des Jahres» soll auf unangemessene Formen des öffentlichen Sprachgebrauchs aufmerksam gemacht werden.
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Bundesadler - Plenarsaal des Bundestags
Dass «Sondervermögen» Schulden bedeutet, erschließe sich nicht auf den ersten Blick. (Symbolbild)
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Jury gibt «Unwort des Jahres» bekannt
Der Begriff «Sondervermögen» ist zum «Unwort des Jahres» gekürt worden. (Archivbild)
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«Sondervermögen» ist «Unwort» - manipulative Wirkung beklagt

Der Begriff «Sondervermögen» ist zum «Unwort des Jahres» 2025 gekürt worden. Das gab die Jury der sprachkritischen «Unwort»-Aktion in Marburg bekannt. Der Gebrauch des ursprünglich aus der wirtschaftlichen und juristischen Fachsprache stammenden Begriffs in der öffentlichen Kommunikation verdecke, was mit ihm eigentlich gemeint sei - nämlich die Aufnahme von Schulden, erklärte die Jury zur Begründung ihrer Entscheidung. 

Der im vergangenen Jahr vermehrt im öffentlich-politischen Sprachgebrauch verwendete Begriff habe «sehr deutlich die politischen Debatten über Staatsverschuldung und Investitionsprogramme» geprägt, hieß es weiter.

Jury: Begriff hat irreführende Bedeutung

Im Alltagssprachgebrauch werde unter «Sondervermögen» eine spezielle Menge an Eigentum verstanden, die von einem Gesamtvermögen abgetrennt sei. Im Fachdiskurs über den Staatshaushalt jedoch meine «Sondervermögen» einen Nebenhaushalt, der zur Erfüllung bestimmter Aufgaben eingerichtet werde und mit der Aufnahme von Schulden oder einer Kreditermächtigung verbunden sei. 

Euro-Banknoten - «Sondervermögen»
Der Ausdruck «Sondervermögen» habe sich im öffentlichen Diskurs verselbstständigt, befand die Jury. (Symbolbild)
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Der Ausdruck habe sich im öffentlichen Diskurs verselbstständigt, befand die Jury. Viele Bürgerinnen und Bürger seien nicht mit der Spezialbedeutung vertraut und orientierten sich an der Alltagsbedeutung. «Wir kritisieren den euphemistischen, verschleiernden und irreführenden Sprachgebrauch, weil er demokratische Debatten unterminiert», erklärte Constanze Spieß, Jury-Sprecherin und Sprachwissenschaftlerin an der Marburger Philipps-Universität. 

Der Begriff könne «manipulative Wirkung entfalten, wenn er strategisch eingesetzt wird in der politischen Kommunikation». In der politischen Kommunikation, die alle Bürgerinnen und Bürger betreffe, sei «Klarheit, Transparenz, Angemessenheit, Aufrichtigkeit geboten», so Spieß - denn sonst könnten die Menschen an den Debatten nicht teilhaben.

«Sondervermögen» ist «Unwort des Jahres» 2025
Constanze Spieß, Professorin am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universität Marburg und Sprecherin der Unwort-Jury.
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«Zustrombegrenzungsgesetz» auf Platz zwei 

Auf Platz zwei landete der Ausdruck «Zustrombegrenzungsgesetz». Der Ausdruck bediene sich einer «Wassermetapher» und stelle Zuwanderung als «Herbeiströmen in großen Mengen» dar, hieß es. Dadurch werde Zuwanderung negativ als Bedrohung konnotiert. Bereits seit den 1950er-Jahren seien Bezeichnungen aus diesem Bereich der Wassermetaphorik im Zusammenhang mit Migration gebräuchlich - als weitere Beispiele nannte die Jury «Flüchtlingsstrom» und «Asylantenwelle». Die Menschen, die sich auf der Flucht befinden, verschwänden hinter solchen Bezeichnungen und «werden damit als große Menge und Gefahr vorgestellt und zugleich entmenschlicht». 

Gast wählt «Umsiedlung» als persönliches «Unwort des Jahres» 

Die Jury der institutionell unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion «Unwort des Jahres» besteht aus vier Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, einer Journalistin sowie jährlich wechselnden Mitgliedern. 

In diesem Jahr beteiligte sich der Autor, Jurist und Journalist Ronen Steinke. Sein persönliches «Unwort des Jahres» ist der Begriff «Umsiedlung», mit dem israelische und amerikanische Politiker im vergangenen Jahr dafür geworben hätten, die Bevölkerung des umkämpften Gazastreifens dauerhaft in ein anderes Land zu schicken. «Was klingt wie eine Wohltat, verschleiert ein Verbrechen», so die Jury.

553 verschiedene Begriffe für «Unwort»-Kür vorgeschlagen 

Das «Unwort des Jahres» wird aus Vorschlägen ausgewählt, die interessierte Bürgerinnen und Bürger jeweils bis 31. Dezember eines Jahres einsenden können. Insgesamt gab es dieses Mal 2.631 Einsendungen, sie enthielten 553 verschiedene Ausdrücke, von denen rund 70 den Kriterien der Jury entsprachen.

Unter den vorgeschlagenen Begriffen war auch «Stadtbild» - ein Wort, das Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verwendet hatte. Im Oktober sagte er, die Bundesregierung korrigiere frühere Versäumnisse in der Migrationspolitik und mache Fortschritte, «aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem». Was er genau meinte, war zunächst offen geblieben. Später konkretisierte Merz, Probleme machten jene Migranten, die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus hätten, nicht arbeiteten und sich nicht an die in Deutschland geltende Regeln hielten.

Das Wort «Stadtbild» sei «nicht unbedingt negativ besetzt» - und deshalb für die Jury kein «Unwort», sagte Spieß. Es gebe auch Bewegungen, die sich positiv damit auseinandersetzten und etwa erklärten: «Wir sind das Stadtbild, unser Stadtbild ist bunt», so Spieß. 

Infrage als «Unwort des Jahres» kommen grundsätzlich Begriffe und Formulierungen, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Wie häufig ein Begriff vorgeschlagen wurde, ist nicht entscheidend für Kür zum «Unwort» des Jahres. Für 2024 war «biodeutsch» zum «Unwort des Jahres» bestimmt worden.

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