Gerd war ein «Arschloch, Wichser, Hurensohn». Da sind sich seine beiden Familien in der ZDF-Komödie «Plötzlich Schwester» durchaus einig. Da hören die Gemeinsamkeiten der Hinterbliebenen aber auch schon wieder auf.
Zu seiner Trauerfeier sind zwei Töchter und ihre Mütter gekommen, die jeweils unterschiedlicher nicht sein könnten: Hier die mustergültige, adrett gekleidete Vorzeigefamilie Giesinger, die bis zum Tod des Vaters nichts von dessen Doppelleben wusste. Dort die Koslowskis: eine esoterische, nicht nur im Umgang mit Sex recht offene Frau («Ihr hattet Stil, wir hatten Spaß») und ihre prollige Tochter, die bauchfrei zur Urnenbeisetzung kommt. Die beiden erfuhren irgendwann, warum der Mann nur wenig Zeit für sie hatte.
Mit Sandra ins Disneyland, mit Sandy in «Uschis Pommesparadies»
Beide Töchter haben eigentlich denselben Vornamen - Gerd war wohl auf der Hut. «Ich heiß' auch Sandra, damit er sich nicht verplappert», sagt Tochter Koslowski. Fortan wird diese Sandra der Einfachheit halber Sandy genannt in dem 90-Minüter, den das ZDF ab dem 13. Juli in der Mediathek zum Streamen bereitstellt und am 6. August (20.15 Uhr) auch im Fernsehen zeigt.
Die Töchter duellieren sich auf der Trauerfeier dann auch gleich, wer die beliebtere war. Mit Sandra fuhr Gerd zum Beispiel ins Disneyland Paris, mit Sandy einmal im Monat zu «Uschis Pommesparadies».
Hochzeitsplanung eskaliert
Als wäre die Gemengelage nicht schon chaotisch genug, fällt Gerds Tod mitten in die Hochzeitsvorbereitungen von Sandra (Klara Lange). Die spießige Perfektionistin, die in der Versicherungsbranche arbeitet, will am Termin für die Trauung unbedingt festhalten. Sie hat aber ein Problem: Sie hat keine Trauzeugin.
Da kommt es aus Sicht von Sandy (Cosima Henman) wie gerufen, dass Sandra nun eine Schwester hat - und die Eskalationen nehmen ihren Lauf. Denn Sandy hat zwar Erfahrungen unter anderem als Türsteherin, nicht aber als Hochzeitsplanerin. Und die Vorstellungen der beiden Frauen etwa von einem erfolgreichen Junggesellinnenabend klaffen meilenweit auseinander.
Pointierte Dialoge
Svenja Ingwersen hat ein dichtes Drehbuch geschrieben, das Regisseurin Tine Rogoll kurzweilig umgesetzt hat. Neben all den kuriosen Begebenheiten und den bis zum Ultimo ausgereizten Gegensätzen sind es immer wieder die Dialoge, die für Unterhaltung sorgen. Kurze Schlagabtausche, pointierte Sätze.
«Das glaube ich jetzt nicht», sagt Monika Giesinger (Andrea Sawatzki) zum Beispiel, als sie sieht, wie sich Gabi Koslowski (Anita Vulesica) beim Leichenschmaus am Buffet den Teller vollschaufelt. «Erst nimmt sie sich meinen Mann - und jetzt auch noch meine Würstchen im Schlafrock.»
Während Sandy Sandras Hochzeitsplanungen ins Wanken bringt, das Brautkleid in Brand gerät und der vermeintliche Auftritt eines Strippers zu einem Rettungseinsatz samt eingegipstem Arm führt, tragen die beiden Mütter ihr eigenes Duell aus. «Ich hab' ihn so lange geteilt. Ich will ihn einmal im Leben für mich haben», sagt Gabi - und tauscht kurzerhand Gerds Asche aus der Urne mit ihrem Thunfisch-Sandwich aus.
Streit ums Erbe mit harten Bandagen
Außerdem will sie einen Teil des Nachlasses. Und so nistet sie sich mit Sandy in Gerds Wohnmobil auf dem Grundstück der Giesingers ein. «Wir müssen die nerven, bis sie mit uns übers Erbe reden.»
Das funktioniert auch ganz gut: Monika gerät in Rage und greift zum Golfschläger. Zudem schnüffeln die beiden im Leben der jeweils anderen herum. Während die eine der anderen ins Essen spuckt, tunkt die andere die Zahnbürste der ersten ins Klowasser.

Die nicht zuletzt aus der Reihe um «Familie Bundschuh» komödienerprobte Sawatzki spielt ihre Rolle einmal mehr mit Verve. «Das Schöne an Komödien ist, dass sie das Leben auf ironische Weise reflektieren», sagt sie laut Presseheft. Manchmal finde man sich selbst in einem der Protagonisten wieder. Und dadurch, dass man über dessen Schicksal lachen könne, erscheine auch das eigene Leben für kurze Zeit leichter.
Über Familie lernt man in dem Film aus Sawatzkis Sicht, «dass es auch in den schwierigsten Momenten eine Lösung gibt, solange man offen bleibt und sich nicht verschließt». So hat der Film - so viel sei verraten - ein Happy End am Flughafen Köln-Bonn. Wenngleich auch das nicht ohne ist und in Sätzen gipfelt wie: «Du klingst wie ein Meerschweinchen mit Asthma, wenn du stöhnst.» Das Ende deutet an, dass es Potenzial für eine Fortsetzung gäbe.
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