Man stelle sich einmal vor, eine Vizepräsidentin der USA ist die geheime Drahtzieherin hinter dem Angriff auf ein britisches Marineschiff. Ein bisschen Schaden am Schiff soll Großbritannien davon abhalten, weitreichende politische Beschlüsse zu fassen. Aber der Angriff fällt aus Versehen zu heftig aus, 41 Soldaten sterben.
Irgendwann erkennt die motivierte Diplomatin Kate Wyler, was hier im Geheimen passiert ist und ausgerechnet dann, als sie die zwielichtige Vizepräsidentin mit den Vorwürfen konfrontiert, stirbt – genau in dem Moment – der US-Präsident. Und die Strippenzieherin wird der mächtigste Regierungschef der Welt.
Klingt ungut für die Welt? Ist es womöglich auch - aber das ist eben eine sehr gute Handlung für eine Serie. «Diplomatische Beziehungen» geht beim Streamingdienst nun in die vierte Staffel. So viel sei schon verraten: Es geht so rasant, spannend und teils atemraubend weiter, wie in der für sieben Emmys – dem wichtigsten weltweiten TV-Preis – nominierten dritten Staffel.
Was darf man als Zuschauer von der Serie erwarten?
Spannung ohne Kampfszenen, Action ohne große Bewegungen: Es ist eine von Dialogen getragenen Serie. Eine Mischung aus Politikdrama im Stil der einst gefeierten Reihe «West Wing» und Agenten-Thriller wie «Homeland», schließlich sind kreative Köpfe hinter diesen beiden Erfolgsserien auch bei «Diplomatische Beziehungen» dabei.
Aber die Serie sollte man nicht müde nach einem langen Tage schauen, wenn man nur Berieselung sucht. Das Erzähltempo ist hoch, die Handlung komplex und die Dialoge, oft eher Wortgefechte, sind verdichtet und schlau – man muss mental dran bleiben können. Dafür erhält man immer wieder Momente, die einem den Atem stocken lassen. Der Suchtfaktor ist hoch - das sei versprochen, auch für die neue Staffel.
Wer sind die Hauptcharaktere?
Die Diplomatin Kate Wyler (Keri Russell, bekannt aus «The Americans») wird wider Willen zur US-Botschafterin in Großbritannien berufen. An Wylers Seite ist ihr egoistischer Ehemann Hal, ein Ex-Botschafter mit großen politischen Ambitionen (Rufus Sewell).

Schnell landen beide in den Vorfällen um den Anschlag auf das Kriegsschiff und begeben sich gemeinsam mit Geheimdienstlern auf Tätersuche und nach dem Motiv für den Angriff.
Zwar hat sich das Paar über 15 Jahre in vielen Ländern und bei vielen Problemen unterstützt – doch nur so lange, wie Hal karrieretechnisch vorne war, hat dies funktioniert. Zu Serienbeginn badet er in Selbstzweifel und Neid und tut alles dafür, wieder an die Macht zu kommen.
Welcher Serien-Charakter sticht besonders hervor?
Vor allem die spätere US-Präsidentin Grace Penn (gespielt von Allison Janney). Sie glaubt aufrichtig, im Guten für die Menschheitsgeschichte zu entscheiden und zu handeln, auch wenn dies bedeutet, Leben von unschuldigen Menschen zu opfern. «Wenn alle Fakten offen gelegt werden, stehe ich nicht so mies da», betont sie etwa in Staffel drei.

«Sie hat bereits bewiesen, dass sie als Frau zu knallharten Entscheidungen fähig ist – zu höchst komplexen Entscheidungen, die viele Menschen betreffen», erläuterte Janney ihre Rolle in einem Interview mit «Entertainment Tonight». «Sie wurde – wie Frauen das eben oft erleben – stets unterschätzt, doch genau das ist heute gewissermaßen ihre Superkraft.» Penns Handlungen im Graubereich zwischen Gut und Böse, genau wie die von Machtmensch Hal Wyler, sind die Essenz der Serie. Was ist richtig, was ist schlecht, was ist nötig?
Wer wirkt noch an der Serie mit?
Bradley Whitford hat eine besondere Serien-Geschichte mit Allison Janney. Bekannt sind sie zuletzt zwar eher für ihre Rollen in «The Handmaid's Tale» (Whitford bekam dafür einen Emmy) sowie den Film «I, Tonya» (Oscar und Golden Globe für Allison Janney). Aber sie besetzten schon mal Hauptrollen in einer Politikserie und wurden dafür mehrfach mit Emmys ausgezeichnet.

In «The West Wing» spielte Whitford über sieben Staffeln von 1999 bis 2006 den Vollblut-Politiker Josh Lyman, einen Berater und Spin-Doktor des Präsidenten, und Janney die Pressesprecherin C.J. Cregg, die sich nach und nach hoch bis zur Chief of Staff des US-Staatsoberhauptes vorarbeitet.
Da mit Serienschöpferin und Showrunnerin Debora Cahn sowie Regisseur Alex Graves weitere kreative Köpfe von «West Wing» bei «Diplomatische Beziehungen» mitwirken, gilt die Serie quasi als «West Wing»-Reunion. Ein Highlight für Fans dürfte die neue Konstellation der beiden Schauspieler Janney und Whitford sein: Sie spielen nun ein ungleiches und konfliktreiches Ehepaar.
«Es fühlt sich an, als würde man einen alten Pyjama anziehen», beschrieb Allison Janney die gute Zusammenarbeit in einem Interview mit «Entertainment Tonight».
Wie geht es weiter?
Die von Anfang an eh schon schwierige Beziehung von Diplomatin Kate Wyler und ihrem zum US-Vizepräsidenten ernannten Mann Hal – zum einen als Ehepaar, das sich eigentlich getrennt hat, und zum anderen als Politiker – verkompliziert sich zusehends.
Kate vermutet, dass Hal mit der Präsidentin Weltherrschaftspläne schmiedet und sie dafür ausnutzt. Und auch die Beziehung des Präsidentenpaares wird strapaziert – zum Glück für den Zuschauer in herrlich schlagkräftigen Dialogen.
Und da ist noch die Verwirrung um eine verschwundene atomare Unterwasserbombe der Russen, wie Kate Wyler zu Beginn der vierten Staffel erfasst: «Sie werden völlig ausrasten, wenn sie feststellen, dass ihre Apokalypse-Waffe verschwunden ist – und sie werden das Vereinigte Königreich angreifen.»
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