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Mit der blauen Stunde ändert sich die Lichtstimmung an der 4,5 Millionen Euro kostenden Grünbrücke. Das schwere Gerät der Baufirma ist bunt beleuchtet.  Foto: Müller 
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150 per Gästeliste angemeldete Zuhörer genießen das von Baggern und Raupen gesäumte Konzert – mehr durften wegen verschärfter Auflagen nicht auf den Teilabschnitt der Westtangente.  Foto: Müller 
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Musikalisches Ehepaar: Ruth und Brookln Dekker alias Rue Royale.  Foto: Müller 

13. „Horch“-Konzert auf der künftigen Pforzheimer Westtangente

Pforzheim. Was für ein ungewöhnlicher, toller Ort für ein Konzert: 15 Meter hoch türmt sich die Erde entlang der Schotter-Schneise. Hinter der Band Rue Royale, die zur 13. Auflage der „Horch“-Reihe spielt, schwingt sich imposant das Beton-Bauwerk der Grünbrücke auf.

Wenn im Frühjahr 2019 die Westtangente eröffnet wird, soll sie dafür sorgen, dass Wildtiere die Unterbrechung ihres natürlichen Habitats gefahrlos „überbrücken“ können. Doch bevor sich an diesem Montagabend Fuchs und Has’ gute Nacht sagen, gehen Ruth und Brookln Dekker den staubigen Weg zur Bühne. Seit zwölf Jahren musiziert das in England lebende Ehepaar unter dem Namen Rue Royale. Auf bisher drei Alben zelebrieren sie Indie-Pop und -Folk mit pulsierenden, elektronischen Elementen, zwischen Traurigkeit und Glück. Nach längerer (Baby-) Pause erscheint im Herbst ihr viertes Werk „In Parallel“ auf dem spannenden Berliner Plattenlabel Sinnbus – aufgenommen mit Brian Joseph, der schon Bon Iver oder Sufjan Stevens produzierte.

Beim Konzert kommen die neuen Stücke komplexer und rhythmischer rüber. Mit Gitarre, Keyboard, Percussion und ausdrucksstarkem, fein abgemischtem Gesang geben die Singer-Songwriter trotz scheinbarer Widersprüche ein stimmiges Gesamtbild ab: Melancholie, die gute Laune macht, und Dynamik, die in sich ruht, entfalten in der Rauheit der Baustelle eine ganz besondere Wirkung. Trotz Nähe zu Autobahn und Wilferdinger Höhe ist bei den Balladen nur das Zwitschern der Vögel zu vernehmen, der Verkehr ein sanftes Rauschen in der Ferne. Die Band selbst hatte keinerlei Vorstellung, was sie bei dem Konzert in Pforzheim erwartet. „Wir waren etwas ängstlich, als wir reinfuhren“, gesteht Brookln Dekker. Die Besucher saugen die Atmosphäre immer wieder mit ausschweifenden Blicken auf und schießen zahlreiche Fotos zur Erinnerung.

Zu verdanken haben sie dies „Herrn Horch“ Chris Baranowsky, der für seine Konzertreihe stets besondere Orte sucht. Bei Baufirma und Regierungspräsidium (RP) sei er auf überraschend offene Ohren gestoßen – sofern er bestimmte Sicherheitsauflagen beachte. Das bestätigt RP-Referatsleiter Jürgen Genthner. Ihn habe überzeugt, dass der Veranstalter „nicht auf Profit aus“ sei. Gerade mal zwei Wochen lang war das Zeitfenster, in dem das Ereignis an der Baustelle überhaupt „ohne zusätzliche Aufwendungen“ umsetzbar gewesen sei, in dem für sämtliche Beteiligten alles passt.

Und während Rue Royale um 22.30 Uhr ihre Zugabe „U.F.O.“ spielen, biegt doch tatsächlich der fast volle Mond um die Ecke. Als ob es das noch gebraucht hätte.