Pforzheim. Paul Zech (1881-1946) war vieles: Schriftsteller und Arbeiter, Lebenskünstler und verkrachte Existenz, Liebhaber und Familienvater. Eine schillernde Persönlichkeit mit vielen Leben, die zwischen Schein und Sein hin und her irrlichterte, die bis heute gleichzeitig fasziniert und abstößt. Alfred Hübner, bis 2005 Leiter des Kulturamtes in Pforzheim, hat sich 15 Jahre lang mit der spannenden Lebensgeschichte Paul Zechs auseinandergesetzt und 2021 eine akribisch recherchierte und unterhaltsam geschriebene Biographie des expressionistischen Dichters und Schriftstellers vorgelegt.
Schon in seiner Promotion 1975 hatte sich Hübner mit Paul Zech beschäftigt und dabei festgestellt, dass dieser Herkunft, Ausbildung, Familienstand und überhaupt alles, was mit seiner Person und seiner Arbeit zu tun hatte, nach Bedarf und Belieben manipulierte und anders interpretierte. Alfred Hübner unterzog sich der überaus aufwändigen Aufgabe, das Gewirr von Dichtung und Wahrheit zu entflechten.
Dafür untersuchte er alle Publikationen, Briefwechsel, überlieferte Äußerungen von und über ihn, Zeitungsartikel und, und, und, las sich durch Bücherberge (56 Seiten klein gedrucktes Quellenverzeichnis) und besuchte Archive, Bibliotheken sowie die einzelnen Lebensstationen des Dichters. Das war detaillierte wissenschaftliche Forschungsarbeit. Aber sie hat Hübner auch viel Freude bereitet, das ist seinem Text deutlich anzumerken. Die Biographie ist mit über 900 Seiten zwar sehr umfangreich, aber lebhaft und gut lesbar geschrieben. Dazu trägt bei, dass die zahlreichen Anmerkungen nicht unter dem Text, sondern hinten angefügt sind. Hübner betrachtet Zech mit Empathie, ohne Gutes herabzuwürdigen oder Schlechtes zu beschönigen.
Zahlreiche Abbildungen vermitteln Eindrücke von Zech und seinem Lebensumfeld. Ein Personenverzeichnis mit Lebensläufen, ein Namensregister und eine Inhaltsangabe, deren sieben Kapitel die einzelnen Lebensabschnitte umfassen, geben dem umfangreichen Werk Struktur.
Paul Zech, 1881 in Briesen in Westpreußen geboren, stammte aus kleinen Verhältnissen. Für seinen Wunsch Schriftsteller zu werden, erarbeitete er sich die Voraussetzungen im mühsamen Selbststudium, eine höhere Schulbildung besaß er entgegen eigener Aussagen nicht. Er verstand es, jedes Ereignis und Erlebnis für sich positiv umzudeuten und zum Inhalt seiner Gedichte, Schriften und Dramen zu machen. Mit verantwortlich für die Verflechtung von Schein und Sein war vermutlich eine nicht näher identifizierte, familiär ausgeprägte psychische Erkrankung. Seine Schwester Ida, die stärker darunter litt, wurde von den Nationalsozialisten ermordet.
Paul Zech führte ein Doppelleben mit Familie, Muse und Geliebter. Er wurde als Arbeiterdichter bekannt, suchte und fand Anerkennung und Freundschaft bei prominenten Zeitgenossen wie Else Lasker-Schüler, Franz Werfel oder Stefan Zweig und erhielt 1918 den Kleist-Preis. Seine erfolgreichste Zeit hatte er zwischen den Weltkriegen.
Ähnlich wie Karl May, über den er sich abschätzig äußerte, war der Autor Zech aber auch ein Blender und Betrüger, der 1933 nach Südamerika flüchtete und dort über angebliche Expeditionen berichtete. Sein erfolgreichstes Werk „Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon“ stellte sich als Nachdichtung mit vielen persönlichen Zügen heraus. Fern der Heimat und in eher kargen Verhältnissen starb Paul Zech 1946 in Argentinien. 1971 erhielt er ein Ehrengrab in Berlin.
Alfred Hübner: „Die Leben des Paul Zech. Eine Biographie“, 936 Seiten, Morio-Verlag, 48 Euro.
Alfred Hübner...
… wurde 1940 in Pforzheim geboren. Nach dem Abitur 1962 am Kepler-Gymnasium nahm er Schauspielunterricht in München. Anschließend studierte er Germanistik und Theaterwissenschaften in Berlin. Er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter und als Regieassistent unter anderem bei Samuel Beckett tätig und hatte Engagements als Dramaturg am Thalia Theater Hamburg sowie am Staatstheater Braunschweig und am Schiller- und Schloßparktheater Berlin. 1975 promovierte er zum Thema „Das Weltbild im Drama Paul Zechs“. Von 1979 bis 2005 leitete Alfred Hübner das Kulturamt der Stadt Pforzheim.
In den vergangenen Jahren realisierte er Ausstellungsprojekte über Lou Albert-Lazard, Wilhelm Dieterle und Paul Zech und schrieb über letzteren eine umfassende Biographie.

