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Strenge Choreografie: Ute Baggeröhr mit dem Männerchor.  Foto: Grünschloss 

„Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek als multimediales Stück am Staatstheater

Karlsruhe. Als die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek begann, sich mit dem Wahlkampf von Donald Trump auseinanderzusetzen, stellte sie erschrocken fest, dass der Amerikaner und sie gleich alt sind, geboren im Jahr 1946.

Während sie jedoch über das Ende ihres literarischen Schaffens und ihren körperlichen Verfall nachdachte, strebte er das Staatsamt mit der größten Machtfülle der Welt an. Das inspirierte Jelinek dazu, den Wahlkampf und seinen Ausgang zu beobachten und zu hinterfragen. Ergebnis ist ein 90-seitiger Text für das Theater, der ohne feste Rollen auskommt und Regie und Ensemble große Freiheiten lässt. Trump findet in dem Stück übrigens keine namentliche Erwähnung.

Aufstieg eines Rücksichtslosen

„Am Königsweg“ beschreibt den Aufstieg eines rücksichtslosen, für alles außer das eigene Ego blinden Machtmenschen, dem es gelingt, seine Wählerschaft, die ebenso blinden „weißen Männer“, mit einfachen, eingängigen Parolen für sich zu gewinnen. Der Titel weist auf die Position der einzigen genau definierten Figur, der „Autorin“ hin, die weissagt, wohin dieser Königsweg führen wird. Doch die Zukunft ist zur Gegenwart geworden, und diese führt in die Vergangenheit. Am Ende sind „alle Worte aufgebraucht“, die Autorin hat ausgedient.

Am Badischen Staatstheater hatte „Am Königsweg“ in der Inszenierung der slowakischen Regisseurin Sláva Daubnerová eine heftig beklatschte Premiere vor vollem Haus. Jelineks Text hinterfragt, analysiert und seziert Sprache und Ausdruck. Er fand seinen Ausdruck in einer stimmigen und sehr ausdrucksstarken Kombination von abstraktem Bühnenbild, Elektro-Sound, Licht, Video-Einblendungen, unheilschwangerer Musik und sexualisierten Kostümen (Bühne: Sebastian Hannak; Kostüme: Amit Epstein; Musik: Damon Lee; Video: Moritz Ermert; Licht: Christoph Pöschko).

Ute Baggeröhr spielte die nahezu monologisch angelegte Autorin zwischen mythologisch-geheimnisvoller Seherin und bodenständiger Weltbetrachterin, ein Kunstgriff, durch den das Publikum mit ihr zusammengespannt wird. Sie agiert vor und gegen einen Chor aus fünf anonymisierten „weißen Männern“ (Moritz Peters, Jannek Petri, Gunnar Schmidt, Thomas Schumacher und André Wagner) in strenger Choreographie, die von Finanzkrise-Verlierern zu heroisch posierenden Königswählern in Stiefeln, bronzenen Borat-Mankinis und Lorbeerkränzen mutieren. Obwohl abzusehen ist, dass der Königsweg ins Chaos führen wird, verliert die Autorin gegen die reaktionäre männliche Machtfülle. Assoziationen zum Nationalsozialismus und zur Gender-Thematik ergeben sich ganz zwangsläufig.

Das Gruselmoment kommt zum Schluss: Der gottähnliche König (Jens Koch), bisher eine sanfte Stimme aus dem Off, rollt auf seinem Thron herein: ein gesichtsloser nackter Popanz von erschreckender Körperlichkeit mit Phalluskrone aus blonden Locken. Seine Regierungserklärung ist die Weissagung der Autorin, die Zukunft ist nun endgültig in der Vergangenheit angekommen. Viel Denkstoff und intellektuelle Herausforderung, die das Premierenpublikum mit großer Konzentration und viel Applaus annahm.