Vor einiger Zeit ereignete sich in der Männerbastion des altehrwürdigen Londoner Savile Clubs etwas Unerwartetes. Ein Mitglied tauchte plötzlich in der Bar im Rock auf und verkündete, künftig als Frau leben zu wollen. Dabei galt in dem Club seit 150 Jahren die eiserne Regel, dass nur Männer Mitglieder sein können, Weibsvolk hatte draußen zu bleiben. Doch hier zeigte sich, dass Briten nicht nur äußerst traditionsbewusst sind, sondern im Zweifel auch pragmatisch. Das Clubkomitee beschloss kurzerhand, dass das nun weibliche Mitglied bleiben durfte. Die spitzfindige Begründung: Die Aufnahme in den Club war noch als Mann erfolgt - also war es kein Regelverstoß. Denn das Geschlecht mag man zwar ändern können, niemals aber die Mitgliedschaft im Club.
Annette Dittert, bis Ende 2025 langjährige ARD-Korrespondentin in London, erzählt diese Geschichte als typisches Beispiel für den britischen Traditionalismus, aber auch die bewundernswerte Geschmeidigkeit des Inselvolks im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Ihr Buch «Dear Britain» kann man als Resümee und Abschiedsbuch ihrer Korrespondententätigkeit lesen. 17 Jahre lang begleitete Dittert das politische Auf und Ab im Vereinigten Königreich und vor allem die chaotischen Brexit-Jahre mit Kompetenz und ihrem unverwechselbaren persönlichen Stil. Mit 63 Jahren erscheint es ihr genug. Zumal sie nach eigenen Worten so viele journalistische Highlights erlebte, dass sie schlicht nicht mehr zu toppen sind.
Leben nach dem Brexit
Wer Ditters Fernsehberichte und Reportagen verfolgt hat, wird einige der Geschichten wiedererkennen. So rollt sie in dem Kapitel «Hidden Misery» die schockierenden Klassengegensätze Großbritanniens auf. Ganze Bevölkerungsteile vor allem im Norden des Landes sind in die Armut abgerutscht. Der Brexit brachte hier nicht die versprochene Erlösung, sondern verschlimmerte die Lage noch. In einem anderen Kapitel zeigt sie erschreckende Zahlen über die Verteilung des Landbesitzes auf: In England gehört demnach die Hälfte des Landes nur einem Prozent der Bevölkerung. Und nur acht Prozent des Landes seien überhaupt öffentlich zugänglich.
Die viel gerühmte britische Gelassenheit zeitigt auch negative Folgen. Vor Jahrzehnten wurde die Wasserversorgung privatisiert. Investitionen in Kläranlagen blieben aus. An manchen Stränden schwimmen die Briten seither in Kloaken. Doch ein Aufstand bleibt aus, «weil die Briten (spätestens seit Thatcher) gelernt haben, dass selbst lautstarker Protest am Ende die Machtverhältnisse nie wirklich hat ändern können». Auch dass die britische Krone nicht nur unvorstellbare Reichtümer anhäufen konnte, sondern auch keinerlei Einblicke in ihre Finanzen gibt, wird von der Mehrheit der Briten als gottgegeben akzeptiert. Einzelne Rebellen kämpfen hier gegen Windmühlen.
Traditionen als Ausdruck von Machtinteressen
Neben dem britischen Traditionalismus, der Klassengesellschaft und dem zunehmenden Nationalismus unter Engländern, Walisern und Schotten behandelt Dittert auch scheinbar bunte und harmlose Themen wie die britische Gartenleidenschaft. Aber auch hier bleibt sie nicht an der Oberfläche, sondern porträtiert eine schwarze Gärtnerin, die sich in einer traditionell von Weißen geprägten Domäne behauptet. Vor allem wird in dem Buch eines deutlich: Viele uns verstaubt erscheinende Traditionen und Skurrilitäten sind mehr als nur ein amüsanter Spleen eines nostalgiesüchtigen Volkes, sie sind Ausdruck handfester Machtinteressen.
Ditterts Buch ist unterhaltsam, plastisch und bunt wie die Insel, auf der sie so gerne lebt. Zwar zeigt sie sich besorgt über die «Geisterfahrt» Großbritanniens und den gefährlichen Schwebezustand nach dem Brexit. Doch verlassen will sie das Land nicht, denn sie hat ihr Herz an die Briten verloren: «Ich bin jetzt mit London verheiratet.»
© dpa-infocom, dpa:260512-930-68260/1

