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Viel zu schauen, viel zu lesen, viel zu erkunden gibt es in der Ausstellung zum Lebenswerk Axel Hertensteins. Foto: Ketterl
Eine kleine Auswahl Holzskulpturen ist ebenfalls ausgestellt. Foto: Ketterl
Pure Freude beim Blättern in den Unikat-Büchern strahlen die stellvertretende Kulturamtsleiterin Claudia Baumbusch, Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler und Ko-Kuratorin Christina Klittich (von links) aus. Foto: Ketterl
Mit Jugendstil-Lettern und im Stil der Pop Art gedruckt, ist dieses Werk aus den 1970ern erstmals ausgestellt. Foto: Ketterl
19.04.2018

Ausstellung in der Pforzheim Galerie würdigt Axel Hertenstein

Pforzheim. Als Kuratorin Claudia Baumbusch im Frühsommer vergangenen Jahres dem Pforzheimer Künstler, Grafiker und Drucker Axel Hertenstein vorschlägt, die kommende Ausstellung in der Pforzheim Galerie ganz seinem bibliophilen Werk zu widmen, ist der 80-Jährige sofort angetan: „Mein Metier ist das Büchermachen“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Und damit ist der Titel zur Schau gefunden, die am Sonntag um 17 Uhr eröffnet. Viel Hirn- und Muskelschmalz haben der Künstler und das Ausstellungsteam in die umfangreiche Präsentation investiert. Denn wie soll man Bücher präsentieren, ohne für gähnende Langeweile zu sorgen? Ganz einfach: Man lässt die Besucher schmökern, lesen, blättern. Und das ist in den Arbeiten des Jubilars ebenso kurzweilig, wie informativ, staunenswert und immer wieder ausgesprochen humorvoll.

Bildergalerie: Ausstellung in der Pforzheim Galerie würdigt Axel Hertenstein

Dazu kommt der Einsatz verschiedener Medien: Im kurzen Film erläutert der Pforzheimer die handwerkliche Seite seiner Kunst und stellt drei seiner wichtigen Autoren vor. Mittels Beamer werden Einblicke in Bücher geboten, an Hörstationen erklingen die Texte. Und zum guten Schluss ist die Korrex-Handdruckmaschine aufgebaut: Hier kann das museumspädagogische Programm Kindern und Jugendlichen den großen Spaß am Drucken live erfahrbar machen. Die Ausstellung ist in acht Kapitel unterteilt:

Klassische Lyrik

Axel Hertenstein entstammt einem Elternhaus, in dem viel gelesen wurde. Schon während seines Studiums an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe entsteht sein erstes künstlerisch gestaltetes Buch mit Gedichten von Else Lasker-Schüler, die er 1963 mit eigenwilligen Linolschnitten illustriert. Und bereits die machen deutlich, wie sich der Formenkanon des Pforzheimers entwickeln wird. 1967 gründet der Buchkünstler die Harlekin-Presse, die er 1980 aus rechtlichen Gründen in Hertenstein-Presse umbenennt. Von Anfang an haben es ihm neben der zeitgenössischen Lyrik auch die klassischen Dichter angetan. Und so entstehen wunderbare kleine Bücher, in denen er jeweils ein Gedicht von Schiller, Fontane, Eichendorff, Heine oder Mörike in den Fokus rückt – und die auch angesichts ihrer haptischen Qualität in der Ausstellung zum Betrachten anziehen.

Leben und Arbeiten

In diesem Kapitel gibt es eine filmische Biografie und einen Blick auf die handwerklichen Utensilien, mit denen Hertenstein seine Kunst schafft.

Zeitgenössische Autoren

Die Auswahl der Autoren trifft Axel Hertenstein stets selbst – wenn ein Text in seinem Kopf ein Bild erzeugt, kann daraus ein Buch werden. Zahlreiche bekannte Schriftsteller sind darunter, etwa Botho Strauß. Hertenstein ist dabei die freundschaftliche Beziehung zu seinen Autoren wichtig: „Ich habe nie als Verleger einen Vertrag mit ihnen abgeschlossen“, sagt er im Rückblick.

Unikate

Wer jemals eine der beliebten Weihnachtsausstellungen im ehemaligen Atelier an der Vogesenallee besucht hat, der weiß, welch großartiger Maler Axel Hertenstein ist. Neben seinen Fabelwesen bannt er vor allem Reise-Impressionen immer wieder auf Papier oder Leinwand. Dabei hat er eine ganz eigene Maltechnik entwickelt: Er greift zur Druckerwalze und trägt dünne, lasierende Schichten auf, die für eine intensive und vielschichtige Farbigkeit sorgen. Neben diesen Walzenbildern zeigt die Schau aber auch großartige Leporellos mit Kugelschreiber-Zeichnungen und – in einer „Petersburger Hängung“ – eine üppig bestückte Wand mit Makulatur-Collagen, die die Herzen von jungen und älteren Betrachtern gefangen nehmen.

Enkelbücher

Gerade Kinder reagieren mit großer Freude auf die Arbeiten Hertensteins. Natürlich auch seine fünf Enkel, für die er jeweils ein Buch gestaltet hat – als Künstler und Autor. Und wer ihn persönlich kennt, weiß: Hier kann es nur humorvoll zugehen.

Text und Bild

Kunsthistorikerin Claudia Baumbusch wählt ein Beispiel aus dem Mittelalter: „Für die berühmten Buch-Illustrationen der Mönche wird auch der Begriff ,Illumination’ verwendet, also die Erleuchtung des Textes. Und genau so arbeitet auch Axel Hertenstein.“ Wie das konkret aussieht, lässt sich anhand der aufwendig gestalteten Gedicht- und Prosabände in der traditionellen Technik des Handpressendrucks mit – oft historischen – Bleilettern sowie Holz- oder Linolschnitten erleben. Text und Bild sind gleichberechtigte Partner, Form und Farbe schwingen im gleichen Rhythmus wie Lyrik und Kurzprosa. Text und Bild verschmelzen zur Einheit.

Mappen

Mit den „Bauernsprüchen“ erscheint 1967 das erste Mappenwerk mit acht Linolschnitten. Inzwischen sind 23 weitere dazugekommen. Mal mit Texten von Joachim Ringelnatz, Ludwig Uhland oder Alexander Merz, dem Pseudonym des dichtenden Künstlers. Natürlich sind auch die großartigen Doppel- und Mischwesen vertreten, die dem Betrachter ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Genauso wie Hertensteins Narren, die er mit vier Linolschnitten zum Thema „Fastnacht“ ganz eigenwillig porträtiert. Diese Lebhaftigkeit entspringt auch einem aufwendigen Druckprozess durch mehrfaches Einfärben der Druckplatten.

Würdigung

Die bibliophilen Werke des 80-Jährigen befinden sich in bedeutenden Museen und Bibliotheken. Seine Hertenstein-Presse gehört nicht nur zu den bedeutendsten Handpressen-Druckereien Deutschlands, er führt auch alle Tätigkeiten als Illustrator, Setzer, Drucker, Binder und Verleger selbst aus – bis auf Großauflagen, die in der Druckerei Rolf Dettling entstanden. 1999 wurde der Pforzheimer mit dem renommierten V.O. Stomps-Preis ausgezeichnet.