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Freunde der Melancholie: Klaus Schill (links) und Frank Zwicker. Foto: Sea of Sin
Freunde der Melancholie: Klaus Schill (links) und Frank Zwicker. Foto: Sea of Sin
03.05.2019

Bandprojekt zweier Ex-Pforzheimer: Sea of Sin veröffentlichen neues Album

Pforzheim. Ein neues Album, das auf Anhieb in die Spitzengruppe der Deutschen Alternative Charts (DAC) einsteigt – diese Erfolgsgeschichte hätten sich die beiden Musiker selbst nicht träumen lassen. Denn lange Zeit sah es so aus, als ob ihr Bandprojekt für immer auf Eis gelegt bleibt.

Frank Zwicker und Klaus Schill haben ihre Jugend in Pforzheim verbracht, schrieben Songs, gründeten in den 1990er-Jahren das Projekt Covent Garden und später die Band Sea of Sin, stark an ihren Vorbildern Depeche Mode orientiert. Es gab einige Veröffentlichungen. Doch dann lief es, wie so oft: Umzug, Beruf, man verlor sich aus den Augen. Zwicker (47) ist zweifacher Familienvater und Unternehmer mit Consultingbüro für Baumanagement in Stuttgart und Karlsruhe. Schill (ebenfalls 47) arbeitet in leitender Funktion bei einem großen Hamburger Verlag. Obwohl er sich in zuhause ein kleines Studio einrichtete – viel Zeit für Musik blieb nicht.

Fast 20 Jahre lang hat es gedauert. „Dann wollte ich wieder an neuen Nummern arbeiten“, erinnert sich Schill. Zwicker sei sofort Feuer und Flamme gewesen, es war die Wiedergeburt von Sea of Sin. Das im vergangenen Jahr veröffentlichte „Future Pulse“, hauptsächlich bestückt mit zeitgemäßen Versionen älterer Stücke (die PZ berichtete), brachte erste Achtungserfolge. In den Sozialen Netzwerken kam großer Zuspruch, selbst von Fans erster Stunde aus Kanada, Argentinien, Russland oder Mexiko, die sich freuten, wieder was von den Ex-Pforzheimern zu hören. „Das fühlte sich nach all den Jahren ziemlich überwältigend an“, sagt Schill. Die Rückmeldungen motivierten, dranzubleiben.

Kritik an Amazon

Nun ist es da, das neue Album „Unbroken“. Zunächst als CD, exklusiv und weltweit über den Vertrieb Poponaut. Amazon haben die beiden gestoppt. „Unterm Strich lohnt sich das nicht. Da bleibt einfach zu wenig bei uns hängen, und wir können nicht auf die Preispolitik einwirken“, erklärt Schill.

Seit gestern ist „Unbroken“ auch digital erhältlich und auf allen gängigen Streaming-Plattformen hörbar. Es klingt ausgereifter. Die 13 neuen Nummern enthalten klassische „Sea of Sin-Zutaten“, fernab aktueller Trends wie Autotune-Hip-Hop: elektronischer Pop mit einem Hang zur Melancholie sowie eingängigen Melodien und Ohrwürmern, die hängenbleiben. „Unbroken“ überrascht mit neuer Leichtigkeit und dezenter Euphorie. Düster war gestern. Stilistisch reicht die Bandbreite von Midtempo-Titeln mit Einflüssen von Synthpoppern wie Camouflage oder Erasure bis zu energiegeladenen Songs, die Elemente von Indie-Bands wie New Order oder den Editors in sich tragen.

Zwicker komponiert die Texte. Seine sanfte, markante Stimme und Schills Produktions-Handschrift – er hat die Synthesizer und die Gitarren eingespielt – funktionieren erneut prächtig.

Große Herausforderung bei der Produktion sei abermals die räumliche Distanz Stuttgart/Hamburg gewesen, so Schill. Dass es so gut geklappt hat, liege an der langen Freundschaft, die die beiden verbindet. „Wir sind ein eingespieltes Team und ergänzen uns perfekt“, sagt Zwicker. Zum Beispiel beim Songschreiben, das diesmal sehr viel Energie und einen „ungeahnten Kreativitätsimpuls“ freigesetzt habe: Schill komponiert Melodien und Harmonien an Keyboard oder Gitarre, Zwicker findet den passenden Gesang dazu. „In jeder freien Minute, auch in Nachtschichten.“ Die Texte handeln vom Unausgesprochenem, Sozialkritischem, in die Jahre gekommenen Beziehungen und, natürlich, von der Liebe. „What Are You Waiting For?“ sei ein Appell, seine Lethargie zu überwinden und Dinge mit Elan anzupacken, so Zwicker.

Neues Ziel: Live-Auftritte

Anders als beim Vorgänger, kam es in den vergangenen Monaten auch zu gemeinsamen Aufnahme-Sessions im Stuttgarter Tonstudio. Schritte wie Mastering, Grafik, Layout und Presse-Promotion haben die beiden an professionelle Partner übertragen.

Nach der Veröffentlichung weiterer Singles, einer Remix-EP und gezielter Radio-Promotion haben die Musiker das nächste Ziel bereits vor Augen: mal wieder live auf der Bühne stehen, im Idealfall im Vorprogramm eines größeren Künstlers. Was viel Vorarbeit und Organisation bedarf. „Das wollen wir nun aber angehen“, sagt Schill. Zwicker ergänzt: „Es kribbelt uns jedenfalls gewaltig.“