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Robert Eikmeyer (links) im Gespräch mit dem Denker Bazon Brock. Foto: Roller
Robert Eikmeyer (links) im Gespräch mit dem Denker Bazon Brock. Foto: Roller
25.10.2018

Bazon Brock spricht in der Hochschule über die Bühne als Experimentierfeld

Pforzheim. Wenn Bazon Brock anfängt zu reden, hat man den Eindruck, er wolle nicht mehr damit aufhören. Der Künstler, Kunst-theoretiker und emeritierte Professor hat viel zu sagen. Er vertritt Standpunkte, seine ganz eigene Sicht auf die Geistesgeschichte. Als er im Rahmen der von der PZ unterstützten „Artefakte“-Reihe am Dienstagabend in der Aula der Pforzheimer Hochschule an der Holzgartenstraße spricht, hat man stellenweise Schwierigkeiten, seinen äußerst komplexen Überlegungen im Detail zu folgen.

Denn nicht jeder dürfte sich so gut auskennen mit Philosophie, Kunstgeschichte, Literatur und Politikwissenschaft wie er. Brock streift Darwin, die Frage nach der Formatierung der Gesellschaft, die kulturelle Gegenbewegung in den 1960er- und 1970er-Jahren und sagt, heute urteile der Markt über die Kunst. Immer wieder kommt er auf Richard Wagner und dessen Opern zu sprechen. Die Bühne dient dort zum Experimentieren. Auf der Ebene des ästhetischen Scheins wird ausprobiert, wie das Publikum reagiert. Die Bühne formiert ihre eigene Anhängerschaft: das Publikum. Und greift damit in die gesellschaftliche Realität ein: Bei der Wagner-Oper soll es die Inhalte der Aufführung in die eigene Lebenswelt hinein übertragen.

Das tut es auch. Mit dem Unterschied, dass man die Oper verlässt, wenn sie vorbei ist. In der Realität geht das nicht. In der Wagner-Oper sitzt die gesellschaftliche Elite Preußens, die stark von ihr geprägt ist. Genauso wie später Adolf Hitler. Das Dritte Reich erscheint als Unterfangen, die Wagner-Oper in die Realität zu übertragen, die Inszenierungen der Nationalsozialisten als ein Versuch, die Bühne in die soziale Wirklichkeit zu holen. Beispiel: Bei der Gedenkfeier zum 9. November 1923 nennen einzelne SA-Männer die Namen ihrer getöteten Kameraden, worauf die Anwesenden kollektiv „Hier!“ rufen und damit die Anwesenheit der Toten bestätigen. Eine Manifestation der Toten in den Lebendigen. Heute, so Brock, gebe es keinen Ort mehr, an dem die Menschen eine kollektive Erinnerung aufnehmen können. Es gibt keine Ideologie, die durchschlägt. Stattdessen zerfällt die Gesellschaft in unterschiedliche Kleingruppen.

Das Publikum, darunter viele Studenten, hängt an seinen Lippen und spendet am Ende des zweistündigen Vortrags viel Applaus. Einige fordern eine Zugabe. Auch Robert Eikmeyer hört ihm zu. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Kunst- und Designtheorie an der Hochschule und moderiert den Abend. Brock kennt er seit rund zwei Jahren und arbeitet momentan mit ihm für ein Buch. Eikmeyer sagt, Brock sei einer der größten Denker, eine lebende Legende.