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Musikzimmer mit Ausblick: Beate Rygiert und Daniel Oliver Bachmann wohnen in einer ehemaligen Kita. Fotos: Gabriele Meyer
Musikzimmer mit Ausblick: Beate Rygiert und Daniel Oliver Bachmann wohnen in einer ehemaligen Kita. Fotos: Gabriele Meyer
Daniel Oliver Bachmann spielt ein Didgeridoo.
Daniel Oliver Bachmann spielt ein Didgeridoo.
Die beiden haben jede Menge eigene Bücher im Schrank.
Die beiden haben jede Menge eigene Bücher im Schrank.
Gemütlich am Kaffeetisch: Autorin und Malerin Beate Rygiert.
Gemütlich am Kaffeetisch: Autorin und Malerin Beate Rygiert.
04.12.2018

Beate Rygiert und Daniel Oliver Bachmann: Wo im Schwarzwald Bestseller entstehen

Forbach. Eines Tages hat Beate Rygiert auf ihr Leben geblickt und sich gesagt: „Ich will etwas anderes.“ So stelle ich es mir zumindest vor, als ich in der schmalen Straße in Forbach nach einem Parkplatz Ausschau halte und mich frage, wo hier in dieser Wand-an-Wand-Bebauung denn ein Kindergarten sein soll.

„Die beiden haben eine alte Kita gekauft“, hat man mir gesagt und verheißungsvoll hinzugefügt: „Soll sehr schön sein“. Schließlich habe ich Parkplatz und Hausnummer gefunden und bin enttäuscht. Die Haustür in der Häuserzeile sieht aus, wie große Türen in den 1960er/70er-Jahren eben aussahen – untergehende Spießbürgerlichkeit mit dem Anspruch von Design. Aufgehalten wird das gläserne Ungetüm von einem herzlich lachenden Herrn: Daniel Oliver Bachmann, die eine Hälfte des Ehepaars. Beate Rygiert, die ich noch von ihrer Zeit als Musikdramaturgin am Theater Pforzheim kenne, habe ich noch genauso in Erinnerung: lebhafte blaue Augen, ein Schwall langer dunkelblonder Haare und ausgestattet mit einer Ausstrahlung intensiver, diagnostizierender Aufmerksamkeit. Man ahnt, wie sich diese Frau den Stoff für ihre Romane holt.

Wer die Haustür, deren gläserne Durchsicht von wallenden Stoffbahnen verdeckt wird, durchschritten hat, wird überrascht und steht in einem lichtdurchfluteten Raumgefüge, das die Enge der Straße nicht vermuten lässt. Alte Solnhofer Fliesen und Parkettböden, kirchengroße Fensterfronten, die den Blick über einen Garten auf das kleine Schwarzwaldstädtchen und die Berge freigeben. Eine Zeitreise, in die das Heute nur behutsam Einzug gefunden hat: Erhalt war die Bedingung der Gemeinde beim Verkauf des ehemaligen Kindergarten-Gebäudes. Wenig Möbel, viel Platz, und am Fenster des großen Eingangsbereichs mit dem Majolika-Brunnen ein kleiner Tisch, über dem ein üppiger Lüster hängt. An den Wänden einige große Bilder. Alles atmet Klarheit, kreative Kraft und unerschrockene Liebe zu freien Flächen. Eine solch reduzierte Einrichtung bei 500 Quadratmetern Wohnraum ist nur in absoluter Harmonie und Übereinstimmung zu schaffen.

Freiberufler aus Überzeugung

Und da ist man schon am Punkt dieser glücklichen Zweierbeziehung, die den Schramberger und die Engelsbranderin auch zu einer Art künstlerischer Kreativwerkstatt zusammengeschmiedet hat. „Wir müssen schon vorher öfter aneinander vorbeigelaufen sein“, verweist Beate Rygiert auf kreative und berufliche Berührungspunkte in der Vergangenheit. Denn beide haben viele verschiedene Wege beschritten. Ihrer führte nach dem Studium der Theater- und Musikwissenschaft und der italienischen Literatur ans Theater, bis sie sich entschied, einen Schnitt in ihrem Leben zu machen. Seiner nach dem Studium der Betriebswirtschaft und an der Filmakademie in die Film- und Werbewelt. Seit 1998 schreibt er Romane, Biografien, Memoirs, Reiseberichte, Drehbücher, Hörspiele und arbeitet als Regisseur für Dokumentarfilme – Auszeichnungen mit internationalen Preisen inbegriffen. Es war, wie so manches im Leben, Zufall, dass man sich bei einem Workshop „Kreativ Writing“ in Pforzheim wiedersah. „Der Rest ist Geschichte“, kürzt der Ehemann das Ganze ab. 17 Jahre sind sie jetzt verheiratet, entschieden sich für das freiberufliche Arbeiten, erhielten Stipendien und Preise und machen heute das, was sie immer machen wollten: schreiben.

Dass es zur gemeinsamen Profession geworden ist, betrachtet Beate Rygiert als Glücksfall und „Privileg“. „Alles ist eng und verzahnt“, sagt Bachmann. „Wir sprechen sehr viel und machen gegenseitig das Lektorat“. Konkurrenz? Immerhin hat Bachmann rund 40, Rygiert 35 Bücher geschrieben – erfolgreiche Werke, wobei beide auch als Ghostwriter für Prominente und Menschen mit besonderen Schicksalen arbeiten. „Wir schätzen die Meinung des anderen. Wir wissen, dass man sich in der eigenen Welt verlieren kann.“

Gemeinsame Filme

Offenbar hat diese Strategie funktioniert – es sind Bestseller, die hier im Schwarzwald entstehen. Und weit mehr: Rygiert hatte ein Drehbuch geschrieben, erhielt wieder einen Preis und damit die Möglichkeit, in New York ein Filmstudium zu absolvieren. Die beiden – er als Dramaturg – drehten für 3sat einen Film über die Überlebenden des Amoklaufs von Winnenden, es folgten drei Kurzfilme. „Aber man kann nicht alles machen, der Tag ist zu kurz.“ Rygiert nimmt es gelassen, schließlich hat sie seit langem erfolgreich die Malerei entdeckt und gegenwärtig wird zudem eines ihrer Bücher in Hollywood verfilmt. Und jetzt hat sie sich mit ihren neuen Romanen auf Anraten ihrer Agentin in ein Gebiet gewagt, das sie in dieser Form bisher gemieden hat. „Etwas fürs Herz“ lacht sie – und was unter dem Pseudonym Tabea Bach erschien, landete wieder auf der Bestsellerliste.

Schwerpunkt Musik

Die Frage, ob es in dieser Ehe auch mal so richtig Zoff gibt, erübrigt sich. „Nein“, kommt es wie aus einem Mund. Und sollte es vielleicht doch einmal so sein, bringt die abendliche gemeinsame Musik-Improvisation das wieder ins Gleichgewicht. Vorhanden dazu sind ein riesiger leerer Raum mit der Fensterfront, ein Klavier und ganz viele Instrumente wie Didgeridoos, N’Goni und Alphörner, die Bachmann von seinen weltweiten Reisen mitgebracht hat: unbekannte Klangwelten zum Träumen- und eine Atmosphäre, die das Hier und Heute vergessen lässt. Bachmann gibt Konzerte auch mit seinem emotionalen Obertongesang – zwei Töne werden dabei gleichzeitig gesungen: ein sphärenhaftes Erlebnis.

Mir zumindest war das völlig unbekannt – ich bin fasziniert von dieser Stimmgewalt. Und auch ein bisschen erschlagen von so viel Kreativität, die nicht nur durch ein Domizil von 500 Quadratmetern wabert, sondern sich immer wieder an konkreten Ergebnissen festmachen lässt. „Wir sind beide sehr fleißig,“ sagt Beate Rygiert, schließt die Eingangstür und zieht die Vorhänge aus vielen, vielen Metern Theaternessel zu.