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Hinreißendes Liebespaar: Natasha Young als Maria und Julian Culemann als Tony.
Hinreißendes Liebespaar: Natasha Young als Maria und Julian Culemann als Tony.
Temperamentvoller Tanz, sehenswertes Bühnenbild – so präsentiert sich das Musical „West Side Story“ im Theater Pforzheim. Fotos: Haymann
Temperamentvoller Tanz, sehenswertes Bühnenbild – so präsentiert sich das Musical „West Side Story“ im Theater Pforzheim. Fotos: Haymann
05.10.2015

Bernsteins „West Side Story“ hat im Theater Pforzheim Premiere

Es ist so oft im Leben und auf der Bühne – was leicht aussieht, ist oft unglaublich schwer. Und leichtgemacht hat es sich das neue Team am Stadttheater wahrlich nicht: Nach einer fulminanten „Nabucco“-Premiere mit fast 200 Mitwirkenden, zwei Schauspiel-Premieren nun Bernsteins „West Side Story“ – nur zwei Wochen nach Saisonstart.

Und Bernsteins „Mutter aller Musicals“ verlangt allen alles ab. Eine Partitur, die es in sich hat, die nahtlose Verzahnung von Schauspiel, Gesang und Tanz – da muss alles stimmen, da muss Perfektion herrschen, um diese moderne Version von Shakespeares „Romeo und Julia“ zum Leuchten zu bringen. Und ein Teamgeist, der dann auch das herausragende Erlebnis dieser Premiere ist. Da gehen die moderne, schnörkellose Inszenierung von Intendant Thomas Münstermann, das optisch hinreißende Bühnenbild von Dirk Steffen Göpfert und die rasante, körperbetonte Choreografie von Guido Markowitz eine überzeugende Allianz ein. Eine Aufführung aus einem Guss, mit einer durchgängigen Linie, mit schönen Bildern und überraschenden Effekten.

Technische Probleme

Das Orchester sitzt – mit wirkungsvollen Durchblicken – im Bühnenhintergrund. Das ist zwar optisch reizvoll, akustisch aber nicht immer von Vorteil. Zu weit entfernt wirkt der Orchesterklang, während die Mikroport-Anlage die Stimmen in den Vordergrund rückt. Zu zahm ist die Rhythmusgruppe, manchmal zu brav das Tempo, das Generalmusikdirektor Markus Huber vorgibt. Bernsteins Partituranweisung „With a jazz feel“ des Prologs scheint Hubers Sache nur bedingt. Und auch in Verbindung mit der Bühne gibt es manch holprige Stelle. Überhaupt macht es die Technik den Akteuren an diesem Abend nicht leicht. Kurz vor der Pause brennt das Lichtstellwerk durch. Ersatz ist nicht vorhanden. Und so muss im zweiten Akt manches improvisiert werden, gerät Münstermanns so flüssige und durchdachte Inszenierung zeitweise leicht ins Stocken.

Doch das machen die enorme Spielfreude, der mitreißende Einsatz der Schauspieler, Sänger und Tänzer bei weitem wett. Münstermann setzt auf klare Personenzeichnung, schweißt sein junges Team aus Profis und Laien zu einer Einheit zusammen. Und bietet ein Wechselbad der Gefühle: Da stehen Szenen brutaler Gewalt neben leisen, anrührenden Momenten, da wechseln temperamentvolle Tanzsequenzen mit intimen Augenblicken der Zweisamkeit. Behutsam haben Münstermann, Markowitz und Göpfert das 50er-Jahre-Stück in die Gegenwart verlegt: Zeitgemäß sind Sprache und Tanzstil, ohne aufgesetzt oder peinlich jugendbetont zu wirken.

Leidenschaftliches Ensemble

Das kommt dem jungen Ensemble sichtlich entgegen. Da toben die Jets als Jugendgang über die Bühne – gewaltbereit, vom Leben bereits enttäuscht, auf bessere Zeiten hoffend. Diese Mischung aus Frust, Wut und Enttäuschung bringt gerade Mario Radosin als Action exemplarisch auf die Bühne, während Tobias Bode dem Jets-Anführer Riff manchmal etwas ungelenke Züge und wenig stimmliche Durchschlagskraft verleiht. Von großer Bühnenpräsenz ist Jasaman Roushanaei, die als Jet-Mädchen lieber zu den Raufbolden gehören will. Ausgesprochen schön anzusehen und anzuhören sind die Girls der Gang. Auch ihre Gegenspielerinnen, die Shark-Mädchen, stecken voller Temperament und Leidenschaft. Die Sharks, die Einwanderer, führen den Kampf ums Überleben in der neuen Heimat mit brutaler Gewalt und der Einsicht, dass sie immer die Underdogs bleiben werden. Janko Danailow spielt den Anführer Bernardo mit der nötigen Spur Machismo, dessen zur Schau getragene Männlichkeit allerdings schwer ins Wanken gerät, wenn seine angetraute Anita nach ihm pfeift. Lilian Huynen ist in dieser Rolle nicht nur leidenschaftliche Tänzerin und Sängerin, sondern zeichnet vor allem mit ihrem großen schauspielerischen Vermögen eine vielschichtige Frau.

Doch es sind die gesanglichen Leistungen, die am meisten aufhorchen lassen. Danielle Rohr singt als Rosita ein anrührendes „Somewhere“ inmitten der Zuschauerränge, während auf der Bühne eine eindringlich inszenierte und choreografierte Traumszene gefangen nimmt. Mit den neuen Ensemblemitgliedern Natasha Young als Maria und Julian Culemann als Tony hat das neue Team zwei Darsteller verpflichtet, die das Publikum begeistern. Ausstrahlung, Gesang, Spiel – das tragische Liebespaar sorgt für großes Gefühlskino. Und für eine Leichtigkeit ohne Pathos, für Glaubwürdigkeit jenseits aller Showeffekte – und für stehende Ovationen beim Premierenpublikum.